Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Auf den Corona-Blues folgt echter Blues: Die Bohemian Blues Connection in „Das Knopf“ in Ellerhoop

Ein Kommentar

Mein letztes Live-Konzert vor der Pandemie war ein Blues-Konzert von Keb Mo im Januar 2020 in der (arg überfüllten) Fabrik in Hamburg. Dann kam der Shutdown, und ich schrieb hier gegen meinen Corona-Blues an. Da ist es irgendwie folgerichtig, dass auch mein erstes Konzert seit Corona ein Blues-Konzert war, oder? Jedenfalls haben wir am vergangenen Samstag Open Air beim „Das Knopf“ in Ellerhoop die Bohemian Blues Connection (BBC) gehört. Und davon erzähle ich euch heute. 🙂

So richtig wahrgenommen habe ich die Band um die Sängerin Andrea Löhnsdorf aus Elmshorn erst bei ihrem Auftritt beim Elmshorner Hafenfest im Sommer 2019. Da spielten sie auf der großen Bühne am Nordufer. Christoph und ich hatten großen Spaß an ihrer Musik und fingen irgendwann an, dazu zu tanzen. Bei den meisten rockigen Stücken bot sich ein Jive an, allerdings mit ziemlich hohem Tempo. Und so gaben wir auf dem Asphalt vor der Bühne alle Jive-Figuren zum Besten, die wir in der Tanzschule gelernt hatten und die wir in dem irren Tempo irgendwie zustande brachten. Es war ein toller Abend – und seither folge ich der BBC auf Facebook. Dort erfuhr ich, dass die Band aktuell an ihrem ersten Album arbeitet und sich ansonsten nach Live-Auftritten sehnt, die wegen Corona derzeit nicht stattfinden können. Ich bin gespannt darauf. Und irgendwann vor einer Weile verkündete die BBC, dass sie in dem kleinen, mir bis dato völlig unbekannten Veranstaltungszentrum „Das Knopf“ in Ellerhoop ein Open Air-Benefizkonzert geben würden. Schlüssiges Hygienekonzept, Eintritt frei, vorbestellbare Getränke- und Snackbox, Spenden zugunsten von „Das Knopf“, dessen Eigentümer angesichts der aktuellen Krise um den Fortbestand ihrer „Veranstalterei“ bangen. Klang toll.

Flatterband auf dem Boden markierte die Parzellen

Wir reservierten auf den letzten Drücker noch zwei Plätze, bestellten eine Getränke- und Snackbox und machten uns Samstag am späten Nachmittag auf den Weg nach Ellerhoop. Die Veranstalter hatten sich wirklich gründliche Gedanken gemacht, wie man gewährleisten kann, dass die Menschen im Publikum ausreichend Abstand voneinander und auch von der Band halten. Die Band hatte ihre Bühne auf der überdachten Terrasse des Veranstaltungsgebäudes, welches – so zumindest Christophs Vermutung – in seinem früheren Leben mal das Vereinsheim des dortigen Sportvereins gewesen sein dürfte. Das Publikum sammelte sich auf dem angrenzenden Sportplazt und bekam mit Flatterband auf dem Boden abgesteckte Parzellen zugewiesen, meist Pärchen, aber auch einige Kleingruppen, die das Konzert zusammen genießen wollten. Die Parzellen waren mit Gartenstühlen oder Bierbänken sowie Sonnenschirmen ausgestattet. Außerhalb der eigenen Parzelle musste man eine Gesichtsmaske tragen, innerhalb der abgesteckten eigenen Parzelle war man „frei“. Das Konzept erinnerte mich ein wenig an unsere Tanzschule, wo wir uns ebenfalls an den Bodenmarkierungen unserer Parzelle orientieren müssen: innerhalb des eigenen Kastens ohne Maske, außerhalb mit Maske. (Wenn die Corona-Pandemie noch wesentlich länger anhält und sich diese Form des Hygienekonzepts durchsetzt, bin ich mal gespannt auf die ersten psychologischen Studien zum neuen Parzellendenken, aber das nur am Rande.)

 

Unverhoffter Regenguss noch vor Beginn des Konzerts

Wir richteten uns also in unserem abgesteckten Revier häuslich ein, nahmen unsere Getränke- und Snackbox entgegen (Nachschub konnte man unter Angabe der Parzellennummer per WhatsApp ordern, es war wirklich an alles gedacht) und freuten uns auf den Auftritt der BBC. Und dann kam der Regenguss. Nicht ganz aus heiterem Himmel, denn der war schon seit Nachmittag ziemlich verhangen gewesen. Aber doch überraschend. Wir breiteten schnell unsere Jacken über Bier und Brezeln – klare Prioritäten – und spannten dann unseren Sonnenschirm als Regenschutz auf. Andere Leute im Publikum waren deutlich besser auf diese Wetterlage vorbereitet als wir und streiften schnell Regenjacken und sogar -hosen über. Wow.

 

Tolle handgemachte Musik und musikalische Impulse

Zum Glück war es nur ein kurzer heftiger Schauer, und es war noch immer sehr warm, sodass uns mit den nassen Klamotten nicht kalt wurde. Kurz darauf legte die Band los. Sie coverte altbekannte Blues-Songs, präsentierten ein paar eigene Stücke (u. a. „Lockdown Blues“ mit dem Refrain „we wash our hands in perfection to prevent the infection“, der ansonsten aber das Leben als solches feiert) und konnte im Publikum offenbar auf eine solide Fanbase zählen. Ich staunte, wie schon beim Elmshorner Hafenfest, über das gewaltige Stimmvolumen von Andrea Löhnsdorf und bemerkte, wie sich Christoph immer wieder Notizen in seinem Smartphone machte. (Dazu muss man wissen: Er ist bei uns der Musikkenner und steht auch auf nervösfuddeligen Jazz, während ich einfach nur Musik höre, wenn mir danach ist und wenn ich sie schön finde, und mir dabei wenig Gedanken über Musiktheorie, Musikerbiographien und anderes Gedöns mache.) Es stellte sich heraus, dass mein Göttergatte das Blues-Wunderkind Johnny Lang noch gar nicht kannte, von dem die BBC einen Song zum Besten gab. Ich hingegen besitze seit x Jahren zwei Alben dieses Sängers, ohne dass ich jemals realisiert hätte, dass er sich seine markante Stimme vom Typ eines 70-jährigen notorischen Whiskeytrinkers bereits kurz nach dem Stimmbruch zugelegt hat. Wie dem auch sei, wir profitierten beide davon: Christoph hat nun seinen Fundus an hörenswerten Blues-Platten erweitert, und ich habe mich an die alten gebrannten CDs von Johnny Lang erinnert, die mir mein Bruder mal mitgebracht hatte, um mein Interesse für dieses Nachwuchstalent zu wecken. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.

 

Tolles Konzert – und danach noch Zeit für einen schönen Abendspaziergang

Doch zurück zum Konzert. Der Open Air-Gig begann schon um 18 Uhr und endete mit Rücksicht auf die angrenzenden Nachbarn schon um kurz nach 20 Uhr. Wir hatten Spaß an toller handgemachter Musik, ohne uns in dichtgedrängtes Getümmel zu stürzen, waren nass geworden und wieder getrocknet, hatten – wie hoffentlich alle anderen Gäste auch – den Gegenwert regulärer Konzerttickets in den Hut geworfen, hatten musikalische Impulse erhalten… und als wir wieder zu Hause in Elmshorn ankamen, war es immer noch nicht wirklich spät, sodass wir noch Zeit für einen Abendspaziergang mit Sonnenuntergang hatten. Es muss ja nicht dauerhaft striktes Parzellendenken sein – aber so manche coronabedingten Veränderungen finde ich trotzdem gar nicht schlecht.

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