Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Dauenhof, Dauenhof… ich höre immer nur Dauenhof!

5 Kommentare

Bis vor einer Weile hatte ich noch nie von Dauenhof, einem Ortsteil von Westerhorn, gehört. Dann halfen wir einem verloren wirkenden jungen Mann am Elmshorner Bahnhof, den richtigen Zug nach Dauenhof zu finden – und auf einmal lese ich seltsamerweise beinahe täglich über diesen kleinen Ort.

Ende Juli hatten wir Besuch von meinem Bruder mitsamt seiner Familie. Unsere Gäste hatten Karten für das Musical Aladdin, und wir fuhren zusammen mit der Bahn nach Hamburg. Als wir am späten Abend zurück nach Elmshorn kamen und am Bahnhof aus dem Zug ausstiegen, saß auf dem Mauervorsprung vor den Treppen hinunter in den Bahnhofstunnel ein junger Mann, Kopfhörer in den Ohren, ein wenig verloren dreinblickend. Dem Aussehen nach möglicherweise aus Afghanistan stammend. Als er uns vorbeigehen sah, sprach er uns in sehr gebrochenem Deutsch an: „Zug nach Dauenhof?“

Daumenhof? Dauenhorst? Dahmhof?

Obwohl mein Mann und ich ja nun seit über vier Jahren in Elmshorn leben, hatten wir von einem Ort namens Dauenhof noch nie gehört. Zumal der junge Mann „Dauenhof“ auch nicht ganz einwandfrei aussprach und es bei jedem neuen Versuch ein wenig anders klang. Daumenhof? Dauenhorst? Dahmhof? Irgendwie hörten wir heraus, dass der gesuchte Ort in der Nähe von Wrist liegen soll, oder auch Itzehoe. Dass er dort einen Freund zum Abendessen besuchen wollte (es war ungefähr 23 Uhr… 🙂 ) und dass er aber kein Guthaben auf dem Handy mehr habe um den Freund anzurufen. So zumindest reimten wir uns die Bruchstücke zusammen.

Sind wir hier etwa bei versteckte Kamera?

Immer wieder nannte er uns den Namen des Örtchens und jedes Mal klang es ein wenig anders. Ich fühlte mich ein bisschen an diese lustige alte Spaßtelefon-Nummer mit Achmed erinnert, der bei der Störungsstelle einen Stromausfall meldet und die Dame am anderen Ende der Leitung mit immer anders klingenden Varianten von „Lange Straße“, „Laaage Straße“ oder „Lahnstraße“ zur Verzweiflung treibt. Eine versteckte Kamera war aber nirgends zu erahnen. Mein Bruder zückte sein Smartphone und bat den jungen Mann, den Namen einmal einzutippen, damit wir ihn lesen können. In der geschriebenen Fassung war es aber erst recht Kraut und Rüben, Google Maps fand in der Nähe von Wrist nichts dergleichen.

Einmal pro Stunde fährt die NOB nach Dauenhof

Irgendwann kam mir die rettende Idee, wir könnten ja nicht auf dem Smartphone und bei Google suchen, sondern auf dem guten alten gelben Fahrplan der Deutschen Bahn, der im Bahnhofstunnel von Elmshorn hängt. Ich überflog die nächsten Abfahrten von Elmshorn und fand für 23:34 Uhr tatsächlich eine Verbindung mit der NOB (Richtung Wrist) direkt nach Dauenhof, Fahrtdauer neun Minuten. Bingo! Den Ort gibt es also wirklich! Wir zeigten dem jungen Mann den Eintrag auf dem Fahrplan, malten ihm die Abfahrtzeit noch einmal mit den Fingern in die Luft und schickten ihn zu Gleis 2, von wo aus sein Zug in ein paar Minuten starten sollte. Er bedankte sich überschwänglich und freute sich offensichtlich sehr, dass er seinen Freund nun doch noch besuchen konnte.

Fahrplan Dauenhof

Der Bahnhof Dauenhof ist neuerdings in aller Munde

Und genau seit jenem Tag lese ich beinahe täglich etwas über Dauenhof. Was lustigerweise auch genau an diesem Bahnhof liegt, den der junge Mann ansteuern wollte. Der soll nämlich nach dem Willen der Deutschen Bahn wegen schlechter Sicherheitsstandards abgerissen werden, womit Bürger und Politik in Westerhorn nicht einvestanden sind. Obwohl ein Kaufgebot vorliegt, wollte die Deutsche Bahn lange nicht von ihren Plänen abrücken, mittlerweile zeigt sie sich aber wohl gesprächsbereit. Die Barmstedter Zeitung berichtete über den Streit ebenso wie die Lübecker Nachrichten oder der Holsteiner Anzeiger. Bereits im Mai war Sat1 Regional schon vor Ort gewesen, doch davon hatte ich seinerzeit nichts mitbekommen.

Aber ob mir diese umfangreiche Berichterstattung aufgefallen wäre, wenn wir nicht diesem verlorenen Reisenden begegnet wären?

 

 

 

 

5 Kommentare zu “Dauenhof, Dauenhof… ich höre immer nur Dauenhof!

  1. Auch die Schranke dort hat es schon in die Presse geschafft, weil sie sehr oft geschlossen ist. Nicht die NOB sondern die NBE hält dort 😉

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  2. Per Zufall habe ich den „Elmshornblog“ entdeckt und musste spontan über den ersten dort gelesenen Beitrag „Dauenhof, Dauenhof… ich höre immer nur Dauenhof!“ schmunzeln.

    Ja, es ist wahr: Dauenhof, der wohl bedeutendste Ortsteil der Gemeinde Westerhorn im äußersten Norden des Kreises Pinneberg, ist in den letzten Jahren immer wieder einmal in aller Munde gewesen. Meistens ging es dabei um den Bahnhof, der durch den zwischenzeitlich vorgenommenen Weichenrückbau nach der „Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung“ im eisenbahnrechtlichen Sinne genau genommen nur noch ein Haltepunkt ist.

    Ich selbst bin dort als kleiner Junge in unmittelbarer Bahnhofsnähe aufgewachsen, im Schatten der letzten Giganten der Schiene, der mich nicht nur damals besonders beeindruckenden riesigen Dampflokomotiven.

    Fakt ist: Über 100 Jahre lang bildeten zahlreiche Geschäfte von Kaufleuten, viele Betriebe von Handwerkern aller Art sowie mehrere Gaststätten rund um den Bahnhof herum das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum des gesamten Ortes. Durch den Abbruch des historischen Hauses aus rotem Backstein hätten die Menschen im Ort ein beredtes Zeugnis für den Aufstieg ihres Dorfes wie auch der ländlichen Räume in Schleswig-Holstein insgesamt im Zuge der Erschließung durch die Eisenbahn ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verloren.

    Zugleich wäre ein fast einzigartiges Zeugnis der dänischen, österreichisch-preußischen, preußischen und deutschen Eisenbahngeschichte verloren gegangen. Die 1844 als „König Christian VIII. Ostseebahn“ zwischen Altona und Kiel eröffnete Strecke war die erste unter dänischer Hoheit – das Herzogtum Holstein war (ebenso wie die Herzogtümer Schleswig und Lauenburg) bis 1864 in Personalunion mit dem Königreich Dänemark verbunden. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 unterlag Holstein einer gemeinsamen österreichisch-preußischen Landesherrschaft (Kondominium), nach dem Deutschen Krieg 1866 fiel es an Preußen, das 1871 wiederum im Deutschen Reich aufging,

    Was nach einem Abriss des geschichtsträchtigen Gebäudes geblieben wäre? Die ungastliche Unwirtlichkeit und die gähnende Leere eines zugigen, trost- und gesichtslosen großen Platzes mitten in der Gemeinde.

    Bereits am 28.07.2013 berichteten die „Elmshorner Nachrichten“ und die „Norddeutsche Rundschau“ aus Itzehoe erstmals anhand des Artikels „Ein Stück Geschichte (ist) in Gefahr“ über die akute Bedrohung des Bahnhofsgebäudes durch die seinerzeit bekannt gewordenen Abrisspläne der Deutschen Bahn (DB):

    http://www.shz.de/lokales/elmshorner-nachrichten/ein-stueck-geschichte-in-gefahr-id3401676.html
    http://www.shz.de/lokales/norddeutsche-rundschau/ein-stueck-geschichte-ist-in-gefahr-id3402371.html

    Schon am 03.08.2013 folgte das „Hamburger Abendblatt“ in seiner Pinneberger Regionalausgabe mit dem Beitrag „Bürger wollen Bahnhof Dauenhof retten“:

    https://www.google.de/#q=B%C3%BCrger+wollen+Bahnhof+Dauenhof+retten
    http://www.abendblatt.de/region/pinneberg/article118654259/Buerger-wollen-Bahnhof-Dauenhof-retten.html

    Seither hat sich viel getan, doch selbst im Frühjahr 2016 sah es noch sehr düster aus. In dem Beitrag „Hier kommt bald der Abrissbagger zum Zug“ vermeldete das „Hamburger Abendblatt“ am 04.04.2016 in seinem Pinneberger Regionalteil das unverändert drohende Unheil:

    https://www.google.de/search?q=Hier+kommt+bald+der+Abrissbagger+zum+Zug
    http://www.abendblatt.de/region/pinneberg/article207367357/Hier-kommt-bald-der-Abrissbagger-zum-Zug.html

    Auch in dem Bericht „Westerhorn | Wirbel um den historischen Bahnhof“ der „Elmshorner Nachrichten“ vom 24.05.2016 klang das alles noch sehr besorgniserregend – und das, obwohl sich inzwischen mit Herrn Kay Sierk von der Fa. Otto Frauen ein ortsansässiger Käufer und seriöser Investor für den Erhalt des Stationsgebäudes gefunden hatte:

    http://www.shz.de/lokales/elmshorner-nachrichten/wirbel-um-den-historischen-bahnhof-id13778521.html

    Über erste Anzeichen für eine Trendwende berichteten am 08.07.2016 die „Barmstedter Zeitung“ („Die Politik unterstützt die Bahnhofs-Pläne“) und der Pinneberg-Teil des „Hamburger Abendblattes“ („Gemeinde will alten Bahnhof doch erhalten“):

    http://www.shz.de/lokales/barmstedter-zeitung/die-politik-unterstuetzt-die-bahnhofs-plaene-id14213781.html
    https://www.google.de/search?q=Gemeinde+will+alten+Bahnhof+doch+erhalten
    http://www.abendblatt.de/region/pinneberg/article207801631/Gemeinde-will-alten-Bahnhof-doch-erhalten.html

    „Erste Bahnhofs-Entwürfe vorgestellt“, so lautete am 14.07.2016 ein weiterer Artikel der „Barmstedter Zeitung“:

    http://www.shz.de/lokales/barmstedter-zeitung/erste-bahnhofs-entwuerfe-vorgestellt-id14270731.html

    Das Konzept für das Dauenhofer Bahnhofsgebäude sowie einige Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge wurden zwischenzeitlich auch unter http://www.dauenhof.de ins Netz gestellt.

    Geradezu dramatisch klang es dann am 18.08.2016 in dem Beitrag „Wenig Hoffnung in Westerhorn | Bahnhof soll Stellwerk weichen“ – ebenfalls in der „Barmstedter Zeitung“:

    http://www.shz.de/lokales/barmstedter-zeitung/bahnhof-soll-stellwerk-weichen-id14594451.html

    Dann ging es aber offenbar im positiven Sinne Schlag auf Schlag. Lokale, Landes- und Bundespolitiker unterschiedlicher Färbung schalteten und setzten sich ein, vermittelten, die Deutsche Bahn zeigte sich erfreulicherweise gesprächsbereit, prüfte neu, und dann gab es den wohl letztlich entscheidenden Durchbruch.

    Es war wieder einmal die „Barmstedter Zeitung“, die am 13.09.2016 unter der Überschrift „Bahnhof Dauenhof bleibt offenbar erhalten |’Eine tolle Entwicklung'“ die frohe Botschaft verkündete:

    http://www.shz.de/lokales/barmstedter-zeitung/eine-tolle-entwicklung-id14817296.html

    Das geschichtsträchtige Bahnhofsgebäude in Dauenhof scheint also buchstäblich in letzter Minute gerettet. Der Ort bekommt damit die wunderbare, vielleicht sogar einmalige Chance, einen wesentlichen Teil seiner historischen Mitte zu behalten und für die Zukunft und die Menschen vor Ort weiterzuentwickeln.

    Vielen Dank allen daran Beteiligten!

    *****

    Merke:

    „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“

    Wilhelm von Humboldt (1767-1835), preußischer Gelehrter, Schriftsteller und Staatsmann.

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    • Hallo Guido, vielen Dank für deinen ausführlichen udn sehr schön geschriebenen Kommentar. ER gefällt mir so gut, dass ich ihn gern als eigenen Beitrag veröffentlichen würde. Bist du damit einverstanden und hast vielleicht sogar 1-2 Fotos, mit denen ich das bebildern könnte? Das wäre super! LG und ein schönes Wochenende, Antje

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  3. Hallo Antje,

    ja, gerne, ich bin damit einverstanden. Ich sende Dir mit paralleler elektronischer Post ein paar historische Photographien sowie mehrere von mir selbst erstellte Bahnhofs-Bilder aus meinem persönlichen Archiv.

    Außerdem schicke ich Dir zum besseren Verständnis als Hintergrundinformation einen Auszug aus dem zu Beginn der 1980er Jahre erschienenen Werk „Die Geschichte Dauenhofs“ meines langjährigen Freundes aus früheren Schulzeiten, Reinhard Jung. Näheres über den Autor hier: http://www.jung-lennewitz.de/reinhard.html

    Beste Grüße, ein schönes Wochenende und einen guten Tag der Deutschen Einheit! – Guido

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  4. Pingback: Gastbeitrag: Erinnerungen an die Geschichte des Bahnhofs Dauenhof | Elmshorn für Anfänger

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