Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Glückstadt? Raa-Besenbek? Immer geradeaus. Warum man meinen Wegbeschreibungen nicht trauen sollte

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Ich habe einen grottenschlechten Orientierungssinn. Sogar in Gegenden, in denen ich seit Jahren zu Hause bin, kann ich mich heillos verlaufen. Heute habe ich miese Karmapunkte gesammelt, denn ich habe einem armen Autofahrer in Raa-Besenbek versehentlich eine völlig falsche Wegbeschreibung gegeben.

Ich kann mich nicht erinnern, wo ich heute mit meinen Gedanken war, als ich am frühen Nachmittag eine kleine 5-Kilometer-Laufrunde einlegte. Jedenfalls war ich nur physisch auf der Siethwender Chaussee in Raa-Besenbek Richtung Bullendorf unterwegs, als auf einmal ein Autofahrer neben mit anhielt, um mich nach dem Weg zu fragen. Ein silberfarbener Touran oder ein ähnlich dimensioniertes Gefährt. Der Mann hatte einen glattrasierten Schädel, möglicherweise ein Tatoo im Nacken, sah aber trotzdem nicht unsympathisch aus. Im Fenster seiner Rückbank hing ein schwarzer Anzug mit weißem Hemd und Krawatte in einer Schutzhülle. Offenbar war er zu einem festlichen Termin unterwegs. „Wo geht es hier zu Alten Ziegelei? Bin ich hier richtig?“, fragte er mich.

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Bildquelle: Alte Ziegelei, http://www.ziegelei-raa.de/

„Klar, da sind Sie hier richtig!“ – das war eine Fehlinformation…

Ich bin zwar noch nie dort gewesen, kannte die Alte Ziegelei aber vom Vorbeiradeln oder –laufen. „Klar, hier sind Sie richtig, die liegt auf jeden Fall an dieser Straße, irgendwann auf der linken Seite!“ antwortete ich ihm und zeigte die L118 Richtung Bullendorf. Wo man zwar entlangfahren sollte, wenn man nach Kollmar, Glückstadt oder Kiebitzreihe möchte, aber eben nicht zur Alten Ziegelei. Da hätte der Mann ein paar hundert Meter später links in die Straße Raaer Lander abbiegen müssen, am kleinen Kreisel links in den Kirchensteig, dann rechts auf die B431 (Altendeich). Dann hätte er ein paar hundert Meter weiter linker Hand die Alte Ziegelei unschwer gefunden.

Ich bin schuld, dass der Mann seine eigene Hochzeit verpasst hat!

Das alles war mir im Bruchteil einer Sekunde klar, nachdem er sich hastig bedankt hatte und davongebraust war. Oh nein, so ein Mist! Meine restliche Laufstrecke verbrachte ich mit Grübeln, was meine falsche Wegbeschreibung wohl für Folgen haben könnte. Vielleicht wollte der Mann zur Tauffeier seines Patenkindes? Oder er war sogar zu seiner eigenen Hochzeit unterwegs? Welche die ungeduldige Braut nun platzen lassen würde, weil dem Bräutigam erst kurz vor der Fähre in Glückstadt dämmerte, dass die blöde Joggerin ihn auf die falsche Fährte geschickt hat? Auf der L118 begegnen einem meist nur wenige Fußgänger oder Radfahrer, die man noch einmal kurz nach dem Weg fragen könnte. Außerdem war es ja ein Mann – wer weiß also, wie viel Überwindung es ihn gekostet hat, überhaupt anzuhalten und nach dem Weg zu fragen? Selbst wenn er es noch rechtzeitig zu seiner Hochzeit geschafft hat, wird er vermutlich bei jeder Autofahrt mit seiner Angetrauten in Streit geraten, weil er aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit mir nie wieder anhalten und Passanten um eine Wegbeschreibung bitten wird – was sie wiederum vermutlich bis zur Weißglut reizen wird, so dass eine baldige Scheidung unausweichlich ist. Was habe ich dem armen Kerl nur eingebrockt?

Keine gute Quelle für navigatorische Informationen

Wer von meinen Lesern den Mann aufgrund meiner Beschreibung wiedererkennt, den möchte ich bitten, ihm meine herzlichen Grüße auszurichten. Ich hoffe, sein Leben lässt sich wieder in erträgliche Bahnen lenken – verpatzte Hochzeit oder unausweichliche Scheidung hin oder her. Allen anderen möchte ich raten, sich in Orientierungsfragen nie, aber auch wirklich nie vertrauensvoll an mich zu wenden. Prägt euch mein Gesicht (Foto siehe hier) gut ein und merkt euch: Diese Frau ist keine gute Quelle für navigatorische Informationen. Danke.

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3 Kommentare zu “Glückstadt? Raa-Besenbek? Immer geradeaus. Warum man meinen Wegbeschreibungen nicht trauen sollte

  1. Der arne nicht unsympathische Mann mit adrett bereitgehängtem schwarzen Anzug und weißem Hemd samt Krawatte in einer Schutzhülle! Niemand soll sich in Orientierungsfragen nie, aber auch wirklich nie vertrauensvoll an dich wenden? Doch! Genau das wird geschehen. Siehe meine nächste Mail an dich. Und da geht es um Komplizierteres als um die korrekte Auswahl aus zwei möglichen Richtungen.
    Herzliche Grüße
    Helmut

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