Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Willkommensteam: Deutsche Sprache, schwere Sprache…

Ein Kommentar

Ach wenn die Menschen überall auf der Welt doch dieselbe Sprache sprechen würden! Dann wäre so manches leichter. Obwohl – mein Erinnerungsschatz wäre um manche lustige Anekdote ärmer, wenn da nicht immer mal ein sprachliches oder kulturelles Fettnäpfchen herumgestanden hätte!

Seit ich Anfang 2015 damit begonnen habe, im Willkommensteam für Flüchtlinge Elmshorn mitzuarbeiten, habe ich eine ganze Reihe neuer Menschen aus anderen Kulturen kennen gelernt, die naturgemäß nicht dieselbe Muttersprache wie ich sprechen. Dabei kommt es immer einmal zu unfreiwillig komischen Situationen – sprachliche oder kulturelle Fettnäpfchen eben, die sich nie ganz vermeiden lassen. Auf die Idee, sie einmal in einem Blogbeitrag zusammenzufassen, kam ich gestern, als ich auf Youtube über einen großartigen Sketch von Monty Python von 1971 gestolpert bin, in dem es um falsche Übersetzungen von Redewendungen geht. Schaut ihn euch am besten selbst an.

Hier jedenfalls meine kleine Anekdotensammlung zum Thema – viel Spaß beim Schmunzeln!

Bring mir mal ne Flasche Bier, Flasche Bier…

Vor einer Weile fragte mich eine Iranerin, die noch nicht so lange in Deutschland lebt, was man bei einer Einladung von Bekannten als kleines Geschenk mitbringen kann, wenn man sie zum ersten Mal zu Hause besucht. Sie war sich unsicher, ob Schokolade ein gängiges Mitbringsel ist. Als bekennender Schoko-Junkie beruhigte ich sie erst einmal: Natürlich ist Schokolade ein wunderbares Mitbringsel, wenn man jemanden besucht! Eine andere Iranerin, die unser Gespräch verfolgte, ergänzte dann: „Ich glaube, auch eine Flasche Wein ist ein gutes Mitbringsel.“ Auch das konnte ich natürlich nur bestätigen. Dann aber sagte die Frau weiter: „Oder eine Flasche Bier, die kann man auch mitbringen.“ Ich versuchte mir das Gesicht meiner Freunde oder Bekannten vorzustellen, wenn ich bei unserem Besuch demnächst eine einzelne Flasche Astra mitbringe, am besten noch in einem Geschenkbeutel verpackt… und riet ihr ab, das so zu handhaben – es sei denn, sie wolle sich einen Scherz erlauben. Eigentlich aber eigenartig, oder? Warum würde man bei einer Flasche Bier als Mitbringsel stutzig werden, wenn eine Flasche Wein doch ok ist? Liegt es dran, dass eine Flasche Bier einfach billiger ist und deshalb ein bisschen schäbiger wirkt? Oder ist Bier zu „beliebig“? Ich weiß es nicht genau. Wenn man eine ganz besondere Flasche Craft-Bier mitbringen würde, natürlich bio und mit Regionalbezug oder aus dem Land, in dem der Gastgeber zuletzt Urlaub gemacht hat – dann wäre vermutlich auch eine einzelne Flasche Bier ein akzeptables Mitbringsel. Doch ich blieb den beiden iranischen Frauen gegenüber dabei: Versucht es mal mit Schokolade oder Wein, wenn ihr euch deutschen Gepflogenheiten anpassen wollt.

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Die Bundesregierung plant, die Artikel der, die, das abzuschaffen

Richtig putzig fand ich auch die (ernst gemeinte!) Frage einer Iranerin, die an den deutschen Artikeln zu verzweifeln drohte: „Antje, bei uns im Deutschkurs haben ein paar andere Ausländer erzählt, dass die Bundesregierung demnächst die Artikel der, die, das abschaffen will. Weißt du, wann das passieren soll?“ Ich musste lachen: Klar, Deutsch ist nicht leicht zu erlernen. Und die Artikel machen einem das Leben nicht unbedingt leichter, insbesondere wenn man als Muttersprache Persisch spricht, wo es überhaupt keine Artikel gibt. Iranern oder Afghanen erscheint es deshalb meist ziemlich absurd, warum es „der Apfel“, aber „die Birne“ und als Oberbegriff dann wieder „das Obst“ heißt. Oder warum ein Haus sächlich, ein Tisch männlich und eine Tür weiblich sein soll. Trotzdem ist mir nicht bekannt, dass Deutschland seinen Neubürgern sprachlich entgegenkommen und die Artikel abschaffen will. Aber ein lustiges Gerücht allemal!

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‚Tschüß’ oder ‚tschü-hüß’, wo ist da der Unterschied?

Ein anderes Mal begleitete ich ein deutsches Pärchen, das über das Willkommensteam eine afghanische Familie begleiten wollte, bei ihrem ersten Besuch. Wir handhaben das im Willkommensteam manchmal so: Wenn neue Willkommenshelfer anfangen wollen, persischsprachige Flüchtlinge zu unterstützen, dann begleite ich sie bei ihrem ersten Kontakt und dolmetsche ein bisschen. Dann haben beide Seiten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, von sich zu erzählen und sich ein bisschen kennen zu lernen – und ab dem nächsten Treffen ist dann die Hemmschwelle viel geringer, es ohne meine Hilfe mit Händen und Füßen (oder Google Translator) zu versuchen. Die afghanische Familie, die wir gemeinsam besuchten, lebte erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Ihr wichtigstes Anliegen lautete: Wir wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen! Dass sie sich schon viele Gedanken über die deutsche Sprache und ihre subtilen Regeln machten, zeigte mir folgende Frage: „Ich habe den Eindruck, dass Deutsche beim Abschied ‚tschüß’ sagen, wenn sie nur lose miteinander verbunden sind. Wenn sie einander aber sehr nahe stehen, dann sagen sie ‚tschü-hüß’. Stimmt das?“ Die Frau sah mich erwartungsvoll an und hoffte offensichtlich, dass ich ihre Theorie bestätigen würde. Ich überlegte eine Weile, konnte mich aber wirklich keiner Situation entsinnen, in der ich länger gezogen ‚tschü-hüß’ sagen würde, weil ich mich gerade von meiner allerallerallerbesten Freundin verabschiede. Ich erklärte den beiden, dass man nach Lust und Laune ‚tschüß’ oder ‚tschü-hüß’ sagen kann und dass man eher an dem Abschiedsgruß ‚Auf Wiedersehen’ erkennen kann, dass man einen eher etwas formelleren Umgang pflegt. Die Frau wirkte ein bisschen enttäuscht, wahrscheinlich hatte sie lange über diese Theorie nachgedacht und war stolz gewesen, ein ganz spezielles Mysterium der deutschen Sprache für sich entschlüsselt zu haben. Ich für meinen Teil war beeindruckt, über welche Feinheiten sie bereits nachdachte, obwohl sie kaum mehr als ‚guten Tag’, ‚bitte’ und ‚danke’ sagen konnte.

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Sag am Tor das Codewort „fourteen“ und du bekommst ein Fahrrad!

Neulich im Nachgang unserer Fahrradaktion erlebte ich eine weitere lustige Situation. Ich spazierte durch das Tor des Kranhauses, weil ich vor Ort nachschauen wollte, wie viele rettungslos kaputte und wie viele reparable Fahrräder noch dort herumstanden. Kaum hatte ich den Hof betreten, kam mir auch schon eine Ehrenamtliche vom Urban Gardening entgegen, gefolgt von einem Flüchtling aus Eritrea, der nur ein wenig Englisch und so gut wie gar kein Deutsch sprach. „Fourteen?“, sagte er immer wieder. Die Frau vom Urban Gardening sprach mich an: „Frau Thiel, ich glaube, der junge Mann möchte zu Ihnen, ich denke, er hätte gern ein Fahrrad!“ Ich stellte mich ihm vor: „Hallo, ich bin Antje Thiel!“ Er blickte ein bisschen verwundert zwischen uns beiden Frauen hin und her: „Fourteen? Frau Thiel?“ und brach dann in schallendes Gelächter aus. Irgendwann kapierte ich, dass ihm vermutlich einer seiner Kumpels den Tipp gegeben hatte, zum Kranhaus zu gehen und nach Frau Thiel zu fragen, die hätte dann sicher ein Fahrrad für ihn. Mit „Frau Thiel“ konnte er nichts anfangen und verstand statt meines Namens „fourteen“. Es kam ihm sicher sehr komisch vor, dass zu diesem Ort gehen und dort das Codewort „fourteen“ sagen sollte – seltsame Deutsche… Aber wenn dabei ein Fahrrad herausspringt… Wir kicherten noch eine Weile gemeinsam darüber, und immer wenn er mich ansah, lachte er „fourteen… Frau Thiel!“ Inzwischen ist er auf meiner Fahrrad-Warteliste ganz nach oben gerückt und bekommt in den nächsten Tagen ein neu eingetroffenes Spendenfahrrad.

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Eine sehr galante Einladung in sein Zuhause…

Eine meiner Lieblingsanekdoten liegt allerdings schon etwas länger zurück und stammt nicht aus Elmshorn, sondern aus meiner Heimatstadt Lemgo. Dort engagierte ich mich als Sechzehnjährige schon einmal für Flüchtlinge und hatte erstmals Kontakt mit Männern, die aus dem Iran geflohen waren. Ein paar Freundinnen und ich trafen uns regelmäßig mit ihnen und unterhielten uns mit ihnen, damit sie ihre im Deutschkurs frisch erworbenen theoretischen Sprachkenntnisse gleich einmal praktisch anwenden konnten. Es dauerte nicht lange, da wurden wir von ihnen zum Essen in ihre Unterkunft eingeladen. Wir waren gespannt, was uns erwartet und klingelten an der Tür. Einer der Iraner, er hieß Ebi, öffnete uns die Tür und sagte mit einer übertrieben galanten Armbewegung: „Willkommen in meine Hose!“ Was natürlich sinngemäß „willkommen in meinem Hause“ heißen sollte, uns im ersten Moment aber doch ein wenig irritierte.

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Ein Kommentar zu “Willkommensteam: Deutsche Sprache, schwere Sprache…

  1. Pingback: Pressespiegel: Berichterstattung im August 2015 | Willkommensteam für Flüchtlinge Elmshorn e. V.

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