Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Erster Einsatz als Willkommenshelfer: Was ein bisschen Dolmetschen bewirken kann…

Ein Kommentar

Ich verstehe und spreche Persisch, die Erzieherinnen einer Elmshorner Kita aber nicht. Sie können sich deshalb nicht mit den Eltern eines kleinen iranischen Mädchens verständigen, das seit einigen Monaten die Kita besucht. Ich habe daher bei einem Elterngespräch einfach ein bisschen für beide Seiten gedolmetscht – so einfach kann das Ehrenamt als Willkommenshelfer sein!

Bislang war das Elmshorner Willkommensteam für Flüchtlinge noch nicht praktisch im Einsatz. Bei unseren ersten Treffen waren wir damit beschäftigt, die aktuelle Rechtslage und verschiedene Hilfsangebote für Flüchtlinge kennen zu lernen, außerdem machten wir uns Gedanken über unsere Vernetzung untereinander und die Homepage unserer Gruppe, die mittlerweile übrigens freigeschaltet ist. Doch so langsam scharrten alle Mitglieder des Teams unruhig mit den Hufen: Wir haben uns doch eigentlich zusammengefunden, um Flüchtlingen ganz konkret in ihrem Alltag in Elmshorn zu helfen!

Sprachbarriere hatte bislang ein ausführliches Elterngespräch verhindert

Umso mehr freute ich mich deshalb, als mich vor etwa zwei Wochen Allegra Tekleab von der Koordinierungsstelle Integration der Stadt Elmshorn anrief. Sie hatte meinen Namen und meine persischen Sprachkenntnisse auf der Liste des Willkommensteams gefunden und hatte einen kleinen „Auftrag“ für mich: Sie bat mich, bei einem Elterngespräch in einer Kita zu dolmetschen. Dort hatten die Erzieherinnen aufgrund der Sprachbarriere noch keine Chance gehabt, einmal ausführlicher mit den Eltern eines kleinen iranischen Mädchens zu sprechen, das seit einigen Monaten die Kita besucht. Sie hatten zwar den Eindruck, dass das Mädchen gern in die Kita kommt und auch tolle Fortschritte beim Deutschlernen macht, doch sie spürten auch, dass die Eltern in Sorge waren und wollten sie gern beruhigen.

Vor dem Termin schnell noch ein paar persische Wörter nachschlagen…

Weil ich mein Persisch in den vergangenen Jahren nicht sonderlich häufig genutzt habe – nach der Scheidung von meinem iranischen Ex-Mann gab es einfach viel weniger Gelegenheit dazu als früher – wollte ich mich ein bisschen vorbereiten und ein paar Vokabeln aus dem pädagogischen und psychologischen Spektrum nachschlagen, die ich ansonsten sicherlich nicht so spontan parat hätte. Dass Kindergarten auf Farsi (so nennen Iraner ihre Muttersprache auf Persisch) kudakestán heißt, war mir noch geläufig. Auch rawánshenasi (Psychologie) hatte ich spontan parat. Doch bei Begriffen wie Pädagogik (tarbiat) oder Erziehung (parwaresh) stieß ich auch schon an meine Grenzen und musste meine alten Wörterbücher aus Studienzeiten hervorkramen. Während meines Iranisik-Studiums an der Universität Hamburg Anfang der 1990er Jahre war es nicht ganz leicht, an deutsch-persische oder persisch-deutsche Wörterbücher heranzukommen. Entweder man besorgte sich auf verschlungenen Wegen Wörterbücher aus der Produktion ehemaliger DDR-Verlage, oder man griff auf nicht-lizensierte Raubkopien aus iranischer Produktion zurück. In beiden Fällen ein abenteuerliches und ziemlich teures Unterfangen, obwohl die Bücher qualitativ ziemlich schlecht produziert waren. Mittlerweile gibt es diese Wörterbücher auch aus dem vertrauenswürdigen Hause Langenscheidt – und ich habe mir gleich einmal die kleine Taschenbuchausgabe bestellt, damit ich bei künftigen „Einsätzen“ ein kleines Büchlein in der Handtasche dabeihaben kann – übrigens sogar mit Umschrift der persischen Vokabeln in lateinische Lautschrift, so dass man nicht unbedingt die arabische Schrift lesen können muss.

Wörterbücher

Früher gab es nur dicke Schinken aus zweifelhafter Produktion, heute gibt es auch ein Wörterbuch Persisch-Deutsch / Deutsch-Persisch als handtaschentaugliche Taschenbuchausgabe von Langenscheidt

Wie erklärt man den Eltern ohne gemeinsame Sprache, was Fasching ist?

Letztlich benötigte ich bei dem Elterngespräch in der Kita meine Vokabellisten, die ich vor dem Treffen angelegt hatte, ebenso wenig wie die dicken Wörterbücher, die ich vorsorglich mitgebracht hatte. Die Eltern erzählten von ihrer Tochter – wie sie die Kita erlebt, was ihr Freude und was ihr Angst macht und wie sie die Ankunft in Deutschland erlebt hat. Die Erzieherinnen wiederum erzählten vom Alltag der Kleinen in der Kindergartengruppe – wie schön sie schon Deutsch spricht, wie sie die Spielregeln der Gruppe lernt und mit welchen Kindern sie am liebsten spielt. Sie nutzten die Gelegenheit auch, um die Eltern auf die bevorstehende Faschingsfeier in der Kita aufmerksam zu machen, denn ohne eine gemeinsame Sprache ist es natürlich schwer, Eltern zu erklären, warum an diesem Tag alle Kinder verkleidet in die Kita kommen dürfen. Ich saß dazwischen und übersetzte. Und obwohl ich das eine oder andere Mal um eine persische Vokabel ringen oder einen Begriff etwas ausschweifender umschreiben musste, funktionierte das alles doch sehr gut. Sowohl die iranischen Eltern als auch die deutschen Erzieherinnen bedankten sich überschwenglich bei mir, denn sie hatten bei diesem Gespräch zum ersten Mal etwas näher Kontakt miteinander aufgenommen.

Es war für mich eine sehr beglückende Erfahrung, dass dank meiner Hilfe Erzieherinnen und Eltern erstmals ausführlicher miteinander sprechen und sich kennen lernen konnten. Der Termin hat mich nur eine Stunde meiner Zeit gekostet, doch ich hatte das Gefühl, dass der Brückenschlag, den er bewirkt hat, ein Vielfaches dieser läppischen Stunde wert war.

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