Elmshorn erreicht beim „Gemeindecheck Daseinsvorsorge“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) einen spektakulären Platz 31 von insgesamt 10.817 untersuchten Gemeinden. Ich kann ja verstehen, dass sich Lokalpresse und Stadtmarketing angesichts dieses tollen Rankings vor Freude überschlagen. Aber ich finde die Schlüsse, die angesichts der Methodik aus der Studie gezogen werden, doch ein bisschen fragwürdig.
Natürlich ist Elmshorn nicht so schlecht wie es in den Facebook-Kommentarspalten geredet wird. Ich bin weit entfernt davon, mich diesen ewig schlechtgelaunten Menschen anzuschließen, die immer und überall etwas zu meckern haben. Mir gefällt es insgesamt gut in dieser Stadt, ich lebe sehr gern hier. Das liegt an den kurzen Wegen, der Nähe zur Elbe und zu Hamburg, aber vor allem den tollen Menschen hier, die in Sachen zivilgesellschaftliches Engagement und kulturellen Angeboten wirklich einiges auf die Beine stellen. Das möchte ich einmal vorausschicken, bevor ich kritischere Töne anschlage.
Elmshorn hat also viele tolle Facetten. Leider gehören der Zugang zur ärztlichen Versorgung und ein zuverlässiger öffentlicher Nahverkehr nicht unbedingt dazu. Deshalb war ich gleich stutzig, als ich Ende Mai erstmals in der ZEIT von der aktuellen Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) las, dass Elmshorn in Sachen Daseinsvorsorge Platz 31 von 10.817 Gemeinden erreicht hat. Denn für mich gefühlt rangiert Elmshorn in den untersuchten Kategorien Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digital und Freizeit definitiv nicht so weit vorn im bundesweiten Ranking. Und das, obwohl ich weiß, dass oft Welten zwischen „gefühlter Realität“ und „messbarer Realität“ liegen.
Objektive Messung der Qualität der Daseinsvorsorge?
Die IW-Studie erhebt den Anspruch, die Qualität der Daseinsvorsorge objektiv zu messen. So heißt es in der zusammenfassenden Einleitung der Untersuchung:
Erstmals verknüpft eine solche Untersuchung eine aktuelle, kleinräumige und umfassende Datenbasis zu den Versorgungslagen auf Ebene von rund 11.000 Gemeinden mit einer geokodierten Personenbefragung. Auf Basis von 17 teilweise mit Webscraping erhobenen Indikatoren aus den Bereichen Digitales, Gesundheit, Mobilität, Freizeit und Bildung lässt sich der Mechanismus zwischen (Unzufriedenheit mit) der lokalen Daseinsvorsorge und der voranschreitenden politischen Entfremdung genauer untersuchen. Konkret wird analysiert, inwiefern objektive Mängel in der lokalen Daseinsvorsorge subjektiv wahrgenommen und als Ausdruck von Staatsversagen interpretiert werden, wodurch sie zur politischen Entfremdung beitragen.
Das klingt ja erstmal irgendwie nach einen ehrenwerten Anliegen. Schließlich ist es Aufgabe der Politik, überall im Land für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen und ensprechend die erforderliche Infrastruktur in Schuss zu halten bzw. sogar auszubauen. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn man den notorischen Nörglern auch mal valide Daten unter die Nasen halten könnte: „Hier, guck selbst, du hast überhaupt keinen Grund zum Jammern!“ Und doch wollte ich mir einmal genauer anschauen, wie die Daten bei dieser empirischen Bestandsaufnahme tatsächlich erhoben wurden. Ihr könnt euch die Untersuchung übrigens hier auch selbst herunterladen – inklusive Bewertung aller Gemeinden mit sämtlichen Unterpunkten als csv-Datei.
Bloße Erreichbarkeit als entscheidendes Kriterium
Die für mich entscheidende Erkenntnis dabei war, dass die Einstufung ausschließlich auf Basis der jeweiligen Erreichbarkeit mit dem Auto vorgenommen wurde. Man hat sich für den Themenbereich „Gesundheit“ also anhand von Geodaten angeschaut, wo hausärztliche Praxen, Krankenhäuser, Pflegedienste und Apotheken angesiedelt sind und wie lange man mit dem Auto braucht, um sie zu erreichen. Für den Bereich „Mobilität“ hat man (neben den Zustandsnoten von Brücken auf Fernstraßen, für die es ein Bundesregister gibt) erhoben, wie schnell man mit dem Auto die nächstgelegene Autobahn erreicht, wie groß die Entfernung zum nächsten Bahnhof ist und wie viele Verbindungen pro Tag und Einwohner die ÖPNV-Fahrpläne ausweisen. Auch für die Indikatoren „Schwimmbäder, Theater und Mussen“ wurde ebenfalls die „mittlere (Median) einwohnergewichtete Erreichbarkeit mit dem PKW für die nächstgelegene Lokation berechnet“, wie es im Studiendeutsch so schön heißt.
Genau an dem Punkt wurde ich dann stutzig. In einer sehr dicht besiedelten Stadt wie Elmshorn ist es natürlich einfach, innnerhalb kürzester Zeit vom Wohnort zur nächsten Hausarztpraxis zu gelangen. Nicht nur mit dem Auto, das gelingt sogar mit dem Fahrrad ziemlich schnell. Allerdings sagt die gemessene kurze Distanz ja nichts darüber aus, ob man bei dieser Praxis als neue Patientin oder neuer Patient aufgenommen wird (das ist in Elmshorn ja die eigentliche Challenge). Oder wie lange man auf einen Termin bei einer Facharztpraxis warten muss, wenn man keine dringliche Überweisung hat, weil es sich nicht um einen akuten Notfall handelt. Oder ob man einen Pflegedienst findet, der noch Kapazitäten für weitere pflegebedürftige Menschen frei hat.
Ein toller Fahrplan macht noch keine gute Reise
Natürlich erreicht man auch den Bahnhof ziemlich fix, und der Fahrplan weist jede Menge Verbindungen nach Hamburg bzw. in die andere Richtung ins nördliche Schleswig-Holstein aus. Wie einladend das Bahnhofsgebäude aussieht, wie oft eine Bahn wegen Personalengpässen ausfällt, sich wegen Oberleitungs-, Weichen- oder Türstörung die Fahrt verzögert, man ohne Erklärung auf offener Strecke stehenbleibt oder der Zug spontan einfach an einen anderen Bahnhof umgeleitet wird, kann man den so erhobenen Daten leider nicht entnehmen. Und leider sagt eine geringe Entfernung zum Schwimmbad auch nichts darüber aus, wie hoch beispielsweise die Eintrittspreise sind und wie oft im Jahr sich eine Familie mit mehreren Kindern einen Schwimmbadbesuch leisten kann. Doch all diese Mankos, die nichts mit der bloßen Entfernung zu tun haben, sind doch genau die Dinge, die im Alltag bei vielen Menschen für (verständliche!) Unzufriedenheit sorgen!
Damit neben den Geodaten auch menschliche Einschätzungen in die Studie einfließen, führte das IW außerdem noch eine Online-Befragung durch. Die Befragten wurden gebeten, für die jeweiligen objektiven Daseinsvorsorgeindikatoren ihre Zufriedenheit anzugeben. Der Haken an der Sache: Während statistische Daten für insgesamt 10.817 Gemeinden erhoben wurden, umfasste die Stichprobe bei der Online-Umfrage nur 5.445 Personen. Rein rechnerisch gab es also eine 50:50 Chance, dass zumindest eine Person aus Elmshorn mit von der Partie war. Damit können überhaupt keine spezifischen Einschätzungen von hier eingeflossen sein.
IW kann nur frei zugängliche Daten auswerten
Meine Nachfrage bei den Verantwortlichen im IW änderte leider nichts an meinen Zweifeln. Man schrieb mir, dem IW sei keine Datenquelle bekannt, die Ticketpreise für alle Schwimmbäder in ganz Deutschland ausweist, ansonsten hätte man diese gerne genutzt. Gleiches gelte für die Auslastung von Praxen. Leider könne man nicht mehr Daten auswerten als die, die frei zugänglich sind. „Eine Open Data Strategie für ganz Deutschland, wo solche Zahlen einheitlich erhoben werden, wäre wünschenswert. So lange können wir leider nur z. B. Erreichbarkeiten nutzen.“
Auf meine Frage, wie es um die Repräsentativität der Online-Befragung bestellt ist und ob denn wenigstens eine Person aus Elmshorn teilgenommen hat, erhielt ich diese Antwort: „Mit repräsentativ werden Studien ausgewiesen, die bundesweite Quoten erfüllen. In unserem Fall ist die Befragung repräsentativ quotiert nach den Merkmalen Geschlecht/Alter (Kreuzquote), Wohnsitz nach Bundesländern sowie dem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen. Was die Befragung für Elmshorn betrifft: Ich bitte um Verständnis, dass wir keine gesonderten Analysen herausgeben können. Bei über 11.000 Gemeinden erreichen uns viele solcher Anfragen, und eine Einzelauswertung wäre mit erheblichem Aufwand verbunden.“
Fazit: Mich überzeugen die Schlussfolgerungen aus der Studie leider nicht
Also ganz ehrlich: Es schadet sicher nicht, diese Daten zu erheben – insbesondere wenn sie in dieser Form tatsächlich bislang noch nie aufbereitet wurden, ist das sicherlich ein wertvoller Beitrag für die bundesweite Statistik. Doch ob sich mit dieser Methodik wirklich die Zufriedenheit der Menschen mit der Daseinsvorsorge an ihrem jeweiligen Wohnort ermitteln lässt, wage ich zumindest anzuzweifeln. Und so Leid es mir für die hiesige Politik und Stadtverwaltung tut – aus Platz 31 von 10.817 für Elmshorn im bundesweiten Ranking abzuleiten, dass es hier total super um die Daseinsvorsorge bestellt ist, scheint mir etwas weit hergeholt.
P.S.: Mit dem Wimmelbild im Header habe ich ganz auf die Schnelle ChatGPT beauftragt. Der Prompt lautete: „Ich habe einen Blogbeitrag über diese IW-Studie geschrieben https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/matthias-diermeier-konrad-doliesen-melinda-fremerey-hendrik-boehmer-jan-felix-engler-jan-wendt-iw-gemeindecheck-wie-gut-ist-meine-gemeinde-versorgt.html und suche nun nach einem geeigneten Schmuckbild, das ich als Header einbauen kann. Bitte generiere ein Bild, das Zahlen und Balken aus Diagrammen sowie Ärzte, Züge und ein Schwimmbad enthält. Darf ruhig bunt und wimmelig aussehen.“ Ist doch ganz putzig geworden, oder?
