Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Schreiben, schreiben, schreiben… genau die richtige Ausstellung für mich!

Ein Kommentar

Ich bin sowohl beruflich als auch privat ein leidenschaftlicher Schreiberling. Daher ist die aktuelle Sonderausstellung „Schreiben – Von der Klosterurkunde zum Chat“ im Elmshorner Industriemuseum für mich natürlich ein gefundenes Fressen. Ganz besonders heute, als es anlässlich des 25. Geburtstages des Industriemuseums freien Eintritt und etliche Sonderaktionen gab.

Seit ein paar Tagen bis zum 6. November 2016 gibt es im Elmshorner Industriemuseum eine Sonderausstellung mit dem Titel „Schreiben – Von der Klosterurkunde zum Chat“ zu sehen. Pflichtprogramm für eine Vielschreiberin wie mich, die schon als Erstklässlerin lieber am Schreibtisch saß als draußen zu spielen und die schon mit 12 Jahren ihre erste Zeitschrift herausgab und seither fest davon überzeugt war, dass sie einmal Journalistin sein möchte (dieser Plan ist dann ja auch tatsächlich aufgegangen). Der ganz besondere Anreiz, genau heute die Ausstellung zu besuchen, war allerdings die Ankündigung, dass heute ein ehemaliger Mitarbeiter des Fernmeldezentralzeugamts (FZZA) in Elmshorn anwesend sein würde, das seinerzeit für die Wartung bundesweit aller über die Deutsche Post vermieteten Telex-Geräte zuständig war. Damit war natürlich auch mein Interesse als Elmshorn-Bloggerin geweckt.

Alle zwei Jahre in alle Einzelteile zerlegt und gewartet

Tatsächlich stand in der Sonderausstellung neben einem wuchtigen Telex-Apparat (Modell Siemens T1003) Heino Lüthans und freute sich über Museumsbesucher, die sich für die alten Schätzchen aus der Anfangszeit der modernen Telekommunikation interessierten. Wer sich noch an die Zeiten erinnert, in denen man Telefonapparate nicht kaufen konnte, sondern bei der Deutschen Post mieten musste, der versteht das Geschäftsmodell des FZZA sicherlich besser als die jüngere Generation. Denn auch Telex-Geräte konnte man nicht kaufen, sondern nur mieten. Laut Vertrag mit der Deutschen Post mussten die Geräte alle zwei Jahre abgeholt und gewartet werden, und zwar im FZZA in Elmshorn. Heino Lüthans erzählte uns: „Die Geräte wurden in alle Einzelteile zerlegt, bis zum kleinsten Schräubchen. Eine Abteilung von Frauen wusch sämtliche Teile in Perchlor, bevor sie wieder zusammengesetzt wurden.“ Für die Dauer der Wartung bekamen die Kunden ein Ersatzgerät. „Das war ein super Geschäftsmodell. Die Wartung war vorgeschrieben, und der Kunde musste sie bezahlen, zusätzlich zur monatlichen Miete“, erinnerte sich Heino Lüthans.

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Heino Lüthans vor „seinem“ Telex-Gerät Siemens T1003

FZZA-Eletromechaniker: Besonders beliebt bei den Frolleins vom Amt

Er denkt gern zurück an seine Jahre im FZZA: „Ich habe dort 1958 meine Ausbildung begonnen, im selben Jahr als die Siemens T1003 auf dem Markt eingeführt wurde. Das war eine tolle Zeit.“ 30 Lehrlinge begannen jedes Jahr ihre Ausbildung im FZZA, „wir waren nicht nur Kollegen, sondern meist auch Freunde, mit etlichen habe ich heute noch Kontakt.“ (Über ein Wiedersehen der ehemaligen Lehrlinge im Jahre 2012 berichteten übrigens die Elmshorner Nachrichten.) Wenn es etwas zu feiern gab, dann luden die 30 Jungs die jungen Damen vom Fernmeldeamt („Frollein vom Amt“) ein, bei denen die angehenden Elektromechaniker heiß begehrt waren. Schließlich sei es ein besonderer Arbeitsplatz gewesen, für den die Ausbildungsanwärter ein insgesamt einwöchiges Aufnahmeverfahren durchlaufen mussten.

Gebäude, Infrastruktur und qualifiziertes Personal für das Fernmeldewesen

Ich fragte Heino Lüthans, warum sich das FZZA seinerzeit ausgerechnet in Elmshorn niedergelassen hat. Als „Zugereiste“ habe ich ja noch längst nicht alle Geschichten und Anekdoten parat, die man zum Verständnis solcher Zusammenhänge kennen sollte. Er erklärte mir, dass bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs auf dem heutigen Gelände von Edeka Hayunga die Steingutfabrik Carstens ihren Sitz hatte. Diese musste 1939 schließen, „weil Herr Hitler lieber die Rüstungsindustrie fördern wollte“. Die Gebäude wurden dann bis 1945 von einem Unternehmen genutzt, das elektronische Ausrüstungen für die Marine produzierte, die Atlas Werke. Nach dem Krieg lag es nahe, das Gebäude, seine Infrastruktur und nicht zuletzt das qualifizierte Personal für das Fernmeldewesen zu nutzen. Zunächst bezog das Reichspostzentralzeugamt (RPZZA) das Gebäude, das 1947 in Postzentralzeugamt (PZZA) und ab 1950 dann in FZZA umbenannt wurde und wo dann Experten wie Heino Lüthans Telex-Geräte auseinander- und wieder zusammenbauten.

Lochstreifen und Telex-Papier – davon gibt es heute nur noch Restbestände

So ein Fernschreiber ist jedenfalls eine feine Sache. Man schreibt auf einer normalen Schreibmaschinentastatur seinen Text, den das Gerät dann in einen papiernen Lochstreifen übersetzt. („Von dem ratternden Geräusch, den es dabei erzeugt, kommt übrigens der Ausdruck ‚über den Ticker laufen’, wussten Sie das?“, fragte uns Heino Lüthans.) Diesen Lochstreifen kann man dann an einer anderen Stelle wieder in das Gerät einlegen, auf der Wählscheibe die Nummer des anderen Telex-Geräts anwählen und dann die auf dem Lochstreifen gespeicherten Daten übertragen. Auf der anderen Seite wurden diese Daten dann auf speziellem Telex-Papier von der Endlos-Rolle ausgedruckt. Mittlerweile ist es gar nicht so leicht, auf dem Markt noch die passenden Papierrollen für Telex-Geräte aufzutreiben: „Die werden heute gar nicht mehr produziert, man findet nur noch Restbestände im Internet und muss dann schnell zugreifen, damit man die Museumsstücke auch weiterhin vorführen kann“, sagte Heino Lüthans.

Mein erster Nebenjob: Tippen und Faxe versenden – doch Telex war Chefsache

Ich erinnerte mich an dieser Stelle schmunzelnd an den ersten Nebenjob während meines Studiums in Hamburg, bei dem ich Anfang der 1990er Jahre an 2 Tagen pro Woche Tipparbeiten für eine Firma erledigte, die im Außenhandel aktiv war. Internet und E-Mail waren zwar noch nicht dort angekommen, aber man kommunizierte sehr rege per Fax mit den Geschäftspartnern in Indonesien, Thailand und dem Iran. Ich erinnere mich an endlos lange Faxe, die ich tippen und versenden musste. Sie wurden aus etlichen Einzelnachrichten mit Tesafilm zusammengeklebt, weil jeder Einwahlvorgang Telefoneinheiten kostete und man bares Geld sparen konnte, wenn man statt vieler Einzelfaxe ein zusammengepuzzeltes, meterlanges Fax schickte. Auch einen Telex-Apparat gab es in der Außenhandelsfirma – doch den zu bedienen, war absolute Chefsache. Als kleine studentische Aushilfe durfte ich nur ehrfürchtige Blicke auf den Fernschreiber werfen.

Erinnerung an blaue Matrizendrucke aus der Schulzeit

Auch etliche andere Exponate in der Sonderausstellung im Industriemuseum versetzten mich in Nostalgie, zum Beispiel der Matrizendrucker Rex Rotary R11, der ab 1975 hergestellt wurde. Er erinnerte mich an meine Schulzeit, in der Lehrern noch keine Kopiergeräte zur Verfügung standen. Stattdessen mussten sie ihre Arbeitsblätter von (mit der Schreibmaschine oder per Hand geschriebenen) Matrizen vervielfältigten. Wie man im entsprechenden Wikipedia-Eintrag nachlesen kann, wurde das Verfahren auch als Spiritusdruck oder Blaudruck bezeichnet. Nun, diese Namen waren mir nicht so geläufig, doch der Geruch und die Farbe eines mit diesem Verfahren frisch gedruckten Schul-Arbeitsblattes sind für mich unvergesslich. Wenn man nur lange genug an den Zetteln aus leicht gelblichem, dünnen Papier mit dem prägnanten lilablau-verwaschenen Druck schnupperte, wurde einem ein bisschen duselig im Kopf und die Unterrichtsstunde verging gleich viel schneller. Manche meiner Mitschüler rissen sich regelrecht darum, unserer Klassenlehrerin beim Anfertigen der Matrizendrucke zu helfen, weil sie scharf auf diesen morgendlichen Spiritusrausch waren. All das ist längst Vergangenheit. Heute bestimmt die internetbasierte Kommunikation unseren Alltag. Ich bin natürlich mittendrin und finde das auch prima so. Mit einem Matrizendrucker könnte ich schließlich wohl kaum bloggen. Aber ein bisschen wehmütig macht es mich schon, wenn ich diese schönen alten Geräte sehe, die seinerzeit einmal hochmodern waren und für die die Generation meines Sohnes nur noch ein ungläubiges Schmunzeln übrig hat.

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Wer erinnert sich noch an die blauen Matrizendrucke aus der Schule, an denen man so herrlich Spiritus schnüffeln konnte?

Wer kennt heute noch die Handschriften all seiner Freunde?

Ein bisschen traurig bin ich trotz meiner Begeisterung für die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten auch, dass das Schreiben von Hand immer weniger Bedeutung hat. Früher hätte ich ohne Mühe die Handschriften all meiner Freunde erkennen können – und zwar nicht nur, weil sie sich alle in meinem Poesiealbum verewigten. Heute bin ich froh, wenn ich überhaupt mal etwas Handschriftliches zu sehen bekomme, schade. Schließlich ist eine Handschrift eine sehr persönliche Sache, die mir einen Menschen mehr oder weniger sympathisch machen kann. Daher gefiel mir auch eine Ecke in der Sonderausstellung, in der einige Besucherinnen ihre eigenen Gedanken zum Thema „Schreiben“ handschriftlich verewigen und für eine klitzekleine graphologische Einschätzung einen kleinen Text per Hand abschreiben konnten. Aus der Positionierung der i-Punkte in meiner Handschrift (in der Regel etwas rechts vom i und nicht etwa direkt darüber) lässt sich nach dieser groben Methode übrigens schließen, dass ich vermutlich ein kreativer und vorausschauender Mensch bin. Na, das klingt doch nett, einverstanden.

 

Ein Kommentar zu “Schreiben, schreiben, schreiben… genau die richtige Ausstellung für mich!

  1. „Heino Lüthans vor „seinem“ Telex-Gerät Siemens T1003“

    Bei der Maschine handelt es sich um einen Siemens T100S, nicht um einen T1003 denn diese Modellbezeichnung gibt es nicht.

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