Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Willkommensteam Elmshorn: Wir sammeln Fahrräder für Flüchtlinge

6 Kommentare

Wer ein Fahrrad hat, kann sich leichter mit Elmshorn vertraut machen, in die 5 Kilometer entfernte Ausländerbehörde gelangen und zum Sprachkurs radeln. Es ist also gut, wenn Flüchtlinge Fahrräder haben . Doch leider sehen das nicht alle Menschen in Elmshorn so.

Wenn wir vom Willkommensteam Flüchtlinge fragen, was sie am dringendsten benötigen, dann bekommen wir zuallererst die Antwort: „Ich möchte einen Deutschkurs besuchen!“ Doch gleich an zweiter Stelle steht der Wunsch nach einem Fahrrad. Warum? Ganz einfach: Mit einem Fahrrad ist man mobil und kann seinen neuen Wohnort Elmshorn unkompliziert erkunden. Man muss keinen schwer verständlichen Busfahrplan verstehen oder ohnehin knappes Geld für Fahrkarten ausgeben. Allerdings sind fahrtüchtige gebrauchte Fahrräder in Elmshorn gar nicht so leicht zu ergattern. Eigentlich verweisen wir die Flüchtlinge immer an das Sozialkaufhaus, wo gebrauchte und instandgesetzte Fahrräder gegen einen kleinen Obolus verkauft werden. Doch in letzter Zeit gibt es dort nur noch selten gebrauchte Fahrräder zu kaufen – und bis zur nächsten Fahrradversteigerung des Fundbüros ist es noch eine ganze Weile hin.

Wer hat fahrbereite Fahrräder für Flüchtlinge übrig?

Das Willkommensteam startet deshalb gemeinsam mit dem Freundeskreis Knecht’sche Hallen eine Fahrrad-Sammelaktion im Elmshorner Kranhaus. Zwischen dem 20. Juli und dem 1. August 2015 können dort immer zu den Zeiten des Urban Gardenings (Dienstag von 14 bis 18 und Sonnabend von 10 bis 13 Uhr, Schloßstraße 8, 25336 Elmshorn) fahrbereite Fahrräder abgegeben werden. Wenn kleine Reparaturarbeiten erforderlich sind, damit das Fahrrad verkehrssicher ist, macht das nichts – doch Rahmen und Felgen sollten in Ordnung sein. Wir hoffen, dass sich viele Spender finden, die mit ihren Fahrrädern Flüchtlingen ein Stück Mobilität und Unabhängigkeit schenken.

Erfolg unserer Öffentlichkeitsarbeit: Ein Beitrag in den Hamburg1-Nachrichten

Um möglichst viele Menschen in Elmshorn zu erreichen, wandten wir uns mit einer Pressemitteilung an verschiedene Zeitungen, Anzeigenblätter, TV-Magazine, Radiosender und Internetportale in und um Elmshorn. Mit Erfolg: Der Aufruf wurde in etlichen Internetportalen geteilt, woraufhin sich bereits etliche Spender meldeten und den Flüchtlingen Fahrräder anboten. Doch der größte Erfolg unserer Öffentlichkeitsarbeit war ein Beitrag beim Hamburger TV-Sender Hamburg1, für den mich ein Fernsehteam dabei begleitete, wie ich ein Fahrrad bei einem Spender abholte und einem iranischen Flüchtling übergab. Der Spender hatte zu Öffnungszeiten des Urban Gardenings keine Möglichkeit, das Fahrrad vorbeizubringen, also lieh ich mir von meinem Mann seinen Fiat Doblo und holte das Rad bei ihm ab.

Einladen, Ausladen, Deutschstunde, Fahrradfahren – das TV-Team war dabei

Das TV-Team filmte mich beim Aussteigen aus dem Auto, beim Gespräch mit dem Spender, beim Einladen des Autos und bei der Fahrt zur Unterkunft des iranischen Flüchtlings Mostafa. Wir brachten uns in Position für ein paar Szenen, die Mostafa und mich beim Deutsch-Lernen zeigten, Mostafa wurde zu seinem Leben in Elmshorn interviewt und erzählte, warum es ihm so viel bedeutet, ein Fahrrad zu haben. Die Kamera war dabei, als wir das Fahrrad ausluden, als Mostafa es sich genauer anschaute und eine erste Runde in der Straße damit drehte. Danach drehte das TV-Team noch ein kurzes Interview mit mir vor dem Kranhaus, in dem ich über die Arbeit des Willkommensteams ganz allgemein erzählte. Ich bin nun wirklich nicht routiniert, wenn es darum geht, Fernsehinterviews zu geben – doch ich fand, der ganze Dreh war rundum gelungen und vermittelte einen guten und zutreffenden Eindruck von dem, was wir als Willkommensteam in Elmshorn machen und worum wir die Bürgerinnen und Bürger bitten.

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Für den einen ein gebrauchtes Fahrrad, das den Keller blockerit. Für den anderen ein Stück Mobilität in der neuen Heimat.

Ich entscheide selbst, in welche Initiative ich Zeit, Geld und Energie stecke

Leider fand der Beitrag nicht überall die Anerkennung, auf die ich gehofft hatte. Zum Beispiel in einer Elmshorn-Gruppe bei Facebook, immerhin gut 2.000 Mitglieder stark, in der ich bislang immer meine Blogbeiträge und auch Neuigkeiten aus dem Willkommensteam geteilt hatte. Dort hagelte es derart viele undgefilterte, hasserfüllte und fremdenfeindliche Kommentare, dass es mich immer noch schaudert, wenn ich daran denke. Auf einen gewissen Prozentsatz verständnisloser Kommentare war ich seit meinem Beitrag über die gespendeten PC für Flüchtlinge vorbereitet gewesen. Damals hatte eine Steuerberaterin aus Wedel uns acht gebrauchte und ausgemusterte PC für Flüchtlinge gespendet. Und etliche Mitglieder der besagten Facebook-Gruppe hatten mit Unverständnis reagiert: „Wieso gehören PC jetzt zur Grundausstattung für Flüchtlinge, wenn viele Deutsche keinen PC haben?“ So in etwa lässt sich die Meinung zusammenfassen, die mir seinerzeit entgegenschlug. Ich bemühte mich redlich, ruhig zu bleiben, vieles zu ignorieren und einiges zurechtzurücken. Zum Beispiel, dass PC mitnichten nun zur einklagbaren Grundausstattung eines jeden Flüchtlings in Elmshorn gehören. Sondern dass eine hilfsbereite Person aus freien Stücken beschlossen hat, exakt acht ausgemusterte PC an Flüchtlinge zu spenden. Was ihr gutes Recht ist; sie muss sich schließlich niemandem gegenüber rechtfertigen, warum sie die Rechner stattdessen nicht an obdachlose Deutsche oder mittellose Rentner gespendet hat. Und nur, weil man für eine unterstützenswerte Sache sammelt und sich engagiert, bedeutet das noch lange nicht, dass man andere Initiativen (ob nun Tierschutz, Hilfe für misshandelte Kinder oder eine Tafel für mittellose und hungrige Mitbürger) nicht ebenfalls unterstützenswert findet. Das Willkommensteam hat sich nun einmal die Unterstützung von Flüchtlingen auf die Fahnen geschrieben – und deshalb verteilt es gespendete PC an Flüchtlinge und sammelt aktuell Fahrräder für Flüchtlinge. Wer andere Initiativen wichtiger findet, der spendet eben für andere ehrenhafte Aktionen und wirbt dort für Öffentlichkeit und Unterstützung. Das finde ich dann auch ebenso erfreulich wie unsere eigene Arbeit. So einfach ist das. Eigentlich.

Erschreckend viel Neid und Missgunst in Elmshorn

Die Fahrradaktion unseres Willkommensteams hat mir sehr deutlich offenbart, dass es leider (zumindest in besagter Facebook-Gruppe) erschreckend viele missgünstige Menschen in Elmshorn gibt, die dieser Logik nicht folgen möchten. Die mir am liebsten (mit welchem Recht eigentlich?) genaue Vorschriften machen wollen, für welche Zwecke ich meine ehrenamtliche Energie einsetze. Nämlich bitteschön nicht für Flüchtlinge. Weil die ja (ich zitiere) „ohnehin schon alles in den A… geschoben bekommen“, weil sie (ich zitiere wieder) „viel mehr Geld bekommen als Deutsche“ (zur Info: Flüchtlinge erhalten in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland einen gekürzten Hartz-IV-Satz, danach dann in etwa den vollen Hartz-IV-Satz, von Besserstellung kann also keine Rede sein), weil sie (ich zitiere erneut) „undankbar sind und Tüten mit Essen einfach wegwerfen“ (??? zur Info: In Elmshorn erhalten Flüchtlinge keine Tüten mit Essen, sondern Geld. Sie kaufen sich ihr Essen selbst – und wenn sie das gekaufte Essen wegwerfen und deswegen kein Geld mehr haben, dann haben sie bis Monatsende eben Pech gehabt, genau wie andere Leute auch), und (ich zitiere) „sie bekommen ja alle Möbel und Haushaltsgeräte neu, egal wie oft sie die kaputt absichtlich machen““ (??? Zur Info: Flüchtlinge bekommen die gleichen Beihilfen für einmalige Sonderbedarfe wie Möbel, Kinderwagen oder Haushaltsgeräte, oft auch in Form von Gutscheinen für das Sozialkaufhaus, und ganz sicher nicht beliebig oft). Sollte ich auch noch die fiesen Bildchen von Buschhütten erwähnen, in die sich „das Pack“ wieder verkriechen soll? Auch sie fanden sich unter den Kommentaren.

Du bist nicht deutsch? Also bitte ganz, ganz hinten anstellen!

Ich finde es sehr schwer zu ertragen, dass ich mich regelmäßig dafür rechtfertigen muss, dass ich Menschen anderer Nationalitäten helfe, die aus verschiedenen Notlagen heraus hierher gekommen sind. Ehrenamtliche, die sich für verwahrloste Tiere, den Schutz der Regenwälder oder die Freiwillige Feuerwehr einsetzen, bekommen nie zu hören, dass sie doch erst einmal den mittellosen Deutschen („unseren eigenen Leuten“) helfen sollen. Da wird ehrenamtliches Engagement akzeptiert, honoriert und nicht hinterfragt. Warum aber bei Flüchtlingen? Was soll das sein, wenn nicht Rassismus? Wir alle kennen die dummen Sprüche inzwischen: „Die habenja alle Smartphones!“ Ist ein Smartphone etwa ein eindeutiges Indiz dafür, dass es einem Menschen in seiner Heimat tiptop super ging? Oder dürfen Flüchtlinge einfach keine Smartphones besitzen, weil sie gefälligst ärmer als Deutsche zu sein haben? (Wer es noch nicht weiß: Günstige Smartphones gibt es mittlerweile ohne Telefonvertrag schon für unter 60 Euro, so dass man sie wahrlich nicht mehr als für arme Menschen unzulässige Luxusartikel bezeichnen kann.) Manche Deutsche scheinen zu erwarten, das Asylbewerber jeden Deutschen in der Fußgängerzone vorsorglich dankbar anlächeln, ihm die Füße küssen, ihm die Einkäufe nach Hause tragen, sich artig für eine Tüte Lebensmittel mit abgelaufenem Mindeshaltbarkeitsdatum bedanken und sich ansonsten als willige Fußabtreter anbieten. Und sie scheinen allen Ernstes zu glauben, dass sie automatisch mehr Lohn bzw. Gehalt oder mehr Rente bekämen, wenn nur endlich alle Flüchtlinge abgeschoben würden. Empathie? Fehlanzeige. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (immerhin Artikel 1 unseres bundesdeutschen Grundgesetzes)? Gilt nur, wenn mir zufällig danach ist. Ist euch Neidern eigentlich klar, wie gut es uns hier in Deutschland allein aufgrund der Tatsache geht, dass wir seit 70 Jahren keinen Krieg mehr hier hatten? Von Wirtschaftsstärke und einem im internationalen Vergleich sehr guten Sozialsystem einmal ganz abgesehen?

Wir konfiszieren keine Fahrräder, sondern sammeln sie von freiwilligen Spendern

Als in der besagten Facebook-Gruppe die dummen und missgünstigen Kommentare in Reaktion auf unsere Fahrrad-Sammelaktion hochkochten, versuchte ich zunächst in bewährter Manier, das meiste zu ignorieren und gelegentlich offensichtliche Fehlinformationen geradezurücken. „Was kommt als nächstes? Dann müssen wir Deutschen aus unseren Wohnungen raus, damit Flüchtlinge da drin wohnen können?“ war einer dieser Kommentare, der an Absurdität nicht mehr zu überbieten war. Ich antwortete dann ganz sachlich: „Wir konfiszieren keine Fahrräder, sondern sammeln sie von freiwilligen Spendern. Denen müsst ihr die Entscheidung schon selbst überlassen, wem sie ihr gebrauchtes Fahrrad schenken möchten.“ Irgendwann wurden mir allerdings Dinge an den Kopf geworfen wie „Es ist echt frech von dir, sowas hier zu posten!“, und es gab leider kaum andere Gruppenmitglieder, die unterstützend eingriffen. Letztlich löschten die Administratoren „um des Friedens in der Gruppe willen“ meinen Beitrag (nicht ohne mir zu versichern, dass eigentlich nicht mein Beitrag, sondern die Kommentare dazu das Problem waren). Ich habe die Gruppe dann verlassen. Um meines Seelenfriedens willen. Ich muss mich nicht mit mehr Dummheit und Ignoranz auseinandersetzen als es im Alltag zwingend notwendig ist. Es gibt auch andere Kanäle, über die ich Neuigkeiten aus dem Willkommensteam oder von meinem Blog verbreiten kann. Ich werde diesen Beitrag zum Beispiel mal auf der Facebook-Seite von Til Schweiger teilen, der nicht nur mich in den vergangenen Tagen sehr positiv überrascht hat. 🙂

Vorsorglich möchte ich darauf hinweisen, dass jegliche Kommentare auf diesem Blog von mir aktiv freigeschaltet werden müssen. Und um meines Seelenfriedens willen werde ich hier ganz sicher keine Kommentare freischalten, wie ich sie in der besagten Facebook-Gruppe habe lesen müssen. Denn nein, manches wird man eben nicht mal sagen dürfen. Zumindest nicht in meinem Umkreis.

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6 Kommentare zu “Willkommensteam Elmshorn: Wir sammeln Fahrräder für Flüchtlinge

  1. Moin…Du sprichst mir aus der Seele. Mein Mann und ich betreuen seit einem halben Jahr einen syrischen Flüchtling in Uetersen. Seine Familie ist im syrischen Lager direkt an der Grenze zur Türkei. Wir haben eine FB Gruppe eröffnet…Uetersen hilft ihren Flüchtlingen. Ich sag dir…Keine Resonanz…nix…null. Ich selber komme aus dem Rheinland…Da ticken die Menschen einfach anders…offener…Hilfsbereit. Sie helfen dort unermüdlich. Wir werden die Gruppe nun schliessen…Ich schäme mich echt für Uetersen…Kann aber zum Glück sagen; das ich stolz bin Rheinländerin zu sein. Wünsche dir weiterhin viel Glück und Erfolg.
    lieben Gruß
    Sylke Thomys

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    • Liebe Sylke, danke für deine Zeilen! Also zum Glück hat die aktuelle Fahrradaktion des Willkommensteams gezeigt, dass die Elmshorner doch ein gutes Herz haben. Es wurden 60 Fahrräder aus der Bevölkerung gespendet, und sehr viele fanden sich gestern im Repair-Café ein, um zusammen mit etlichen Flüchtlingen die Räder verkehrssicher zu machen. Das war total super! Vielleicht mögt ihr euch mal mit unserem Willkommensteam vernetzen? Wir haben inzwischen zum Glück recht viel Aufmerksamkeit gewinnen können, das darf gern auch auf euch abfärben! 🙂 LG antje

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  2. Liebe Antje ..
    .( ich hoffe der Name ist richtig, kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern- sorry ) .
    Ich kann mich sehr gut an ihren damaligen Thread erinnern. Und auch ich konnte die Dummheit einiger Leute nicht mehr ertragen.
    Nachdem ich einen Termin mit Ihnen vereinbart hatte , habe ich beschlossen nicht mehr ihren Thread zu verfolgen. Da mich die vielen neidischen und Hass erfüllten Kommentare so aufgeregt haben.
    Ich kann nur sagen – vielen vielen Dank für Ihr ihre Geduld und die korrage! Schön und sehr gut das es noch Menschen wie sie gibt.
    Bitte machen Sie weiter so – mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen .
    Hatte ihnen damals ja meine Hilfe angeboten- werde aber in den nächsten Tagen zu ihrem Verein und meine Telefonnummer hinterlassen!
    Mit freundlichen und respektvollen
    Grüßen
    Bilgin Rauhöft

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    • Hallo Bilgin, danke für deine Zeilen! Die Resonanz auf unseren Spendenaufruf bei der Fahrradaktion hat mir gezeigt, dass diese Neidhammel in Elmshorn zum Glück in der Minderheit sind. Die meisten Menschen hier sind hilfsbereit und empathisch. Wir freuen uns über jeden neuen Helfer, denn wir brauche immer neue Leute, die Flüchtlinge begleiten, da beinahe wöchentlich neue Menschen hier eintreffen. Insofern: Hoffentlich bis zum nächsten Treffen des Willkommensteams! 🙂 LG Antje

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  4. Pingback: Pressespiegel: Berichterstattung im Juli 2015 | Willkommensteam für Flüchtlinge Elmshorn e. V.

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