Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Wieso eigentlich mögen so viele Elmshorner ihre Stadt nicht?

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„Warum in aller Welt sind Sie denn gerade hierher gezogen?“, ist eine Frage, die einen Neu-Elmshorner anfangs durchaus verunsichern kann.

Sommer 2012, unser Umzug und die wesentlichen Renovierungsarbeiten am Haus lagen hinter uns. So langsam kehrte Alltag ein, und wir begannen, uns in unserer neuen Heimat zu orientieren. Dazu gehörte für mich auch, ein paar neue Ärzte für die üblichen Vorsorgeuntersuchungen zu finden. Also einen Augenarzt, der gelegentlich meine Netzhaut begutachtet, einen Diabetologen für meine Quartals-Checks als Typ-1-Diabetikerin, einen Gynäkologen für die obligatorische Vorsorge und einen Hautarzt, der regelmäßig meine Leberflecken unter die Lupe nimmt. Ich hatte großes Glück, denn mit allen Ärzten, die ich bei dieser Recherche spontan ausgewählt habe, bin ich bis heute sehr zufrieden.

Allerdings verunsicherte mich ein spezieller Dialog, der jeweils beim ersten Termin bei allen Ärzten fast identisch stattfand. Ich erzählte ganz unbedarft, dass ich erst kürzlich von Hamburg nach Elmshorn gezogen bin und mir deshalb neue Ärzte suchen musste. Und ungelogen jeder meiner neuen Ärzte schaute mich bei diesem Einleitungssatz mit einem halb ungläubigen und halb belustigten Gesichtsausdruck an und fragte: „Warum in aller Welt sind Sie denn gerade hierher gezogen?“ Meine Erklärung, dass es in Elmshorn einfach mehr Haus für’s Geld gibt, fanden meine Gesprächspartner so gerade noch akzeptabel. Doch ohne diese Erklärung hätten sie meine Entscheidung nicht nachvollziehen können. Im Gegenteil: Als hätte ich ihnen mit meinem Outing das entscheidende Stichwort geliefert, fingen sie erst einmal an, über Elmshorn zu schimpfen. Keine schöne Innenstadt, keine guten Restaurants, kein kulturelles Leben, keine interessanten Geschäfte, und überhaupt… was für ein Provinznest! Später hörte ich Ähnliches immer wieder einmal auch von anderen Elmshornern, die schon länger hier leben.

Gute städtische Infrastruktur – und alles mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen

Ich reagierte kleinlaut und schweigsam und versuchte das Gespräch auf andere Themen zu lenken. Schließlich kannte ich Elmshorn noch nicht gut genug, um irgendetwas Glaubwürdiges zu seiner Verteidigung vorzubringen. Für einen kurzen Moment grübelte ich, ob ich mit meinem Umzug am Ende die dramatischste Fehlentscheidung meines Lebens begangen hatte. Doch eigentlich wunderte ich mich, warum meine Gesprächspartner Elmshorn so wenig abgewinnen können. Immerhin ist Elmshorn mit mittlerweile gut 50.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt in Schleswig-Holstein. Es gibt hier eine ordentliche städtische Infrastruktur – Schwimmbad mit kleiner Saunalandschaft, Multiplex-Kino, einer durchaus belebten Einkaufsstraße, diversen Fitness-Studios und Sportvereinen, zwei kleinen Theaterbühnen und vielen netten Restaurants (meine Favoriten sind das Ochi’s direkt am Bahnhof, das Salento für Freunde der guten italienischen Küche, die Kantine, das Teppan House für alle, die Lust auf mongolische Buffet haben, das Casablanca, wo auch häufig Konzerte und Parties stattfinden, und der Irish Pub Broderick für all jene Tage, an denen die Hauptkalorienzufuhr aus Hopfen stammen soll). Übrigens alles mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß gut zu erreichen.

Hamburg-Langenhorn hat weniger Infrastruktur als Elmshorn

Ja, natürlich ist das Kleinstadtleben. Aber ganz ehrlich: So viel Infrastruktur hatte ich in meinem (übrigens innig geliebten) Hamburg-Langenhorn, wo ich von 1994 bis 2012 gelebt habe, nicht in direkter Nähe. Nun ist Hamburg-Langenhorn zwar nicht der Inbegriff von Urbanität, doch Hamburg besteht eben nicht nur aus zentral gelegenen Szenevierteln, in denen man an jeder Ecke ultrahippe Läden, stylische Cafés, postmoderne Galerien und urige Kneipen findet. Insofern war der Umzug nach Elmshorn für mich in mancherlei Hinsicht sogar Fortschritt, denn ich habe hier mehr städtische Basisinfrastruktur in meinem direkten Umfeld als seinerzeit in Langenhorn. Und unter uns gesagt: Ich gehöre inzwischen der Generation Ü40 an, ich brauche nicht jeden Tag cooles, flippiges und szeniges Big City Life.

Ich möchte also eine Lanze brechen für das Leben in Elmshorn. Hier gibt es alles, was man im täglichen Leben braucht, und zwar in direkter Nähe. Wer Lust auf die Mega-Konsumtempel, die großen Kunstausstellungen, die riesige Theatervielfalt, die unzähligen Szeneläden, den Kiez und überhaupt das volle Programm „Hamburg, meine Perle“ hat, der ist ja auch ganz schnell in Hamburg. Doch es lohnt sich auch, in die anderen Richtungen zu blicken: Denn Elmshorn ist nur einen Katzensprung vom tollen Elbstrand in Kollmar entfernt, wo man an lauen Sommertagen hervorragend am Deich spazieren und die Seele baumeln lassen kann. Auch nach St. Peter Ording fährt man nur halb so lang wie die meisten Hamburger. Also, liebe Elmshorner, freut euch doch lieber des Lebens anstatt euch selbst eure nette kleine Stadt ständig madig zu machen!

Kollmar Elbstrand

Ein perfekter Ort, um die Seele baumeln zu lassen: der Elbstrand in Kollmar, nur 15 Minuten von Elmshorn entfernt

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