Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Zukunft der Markthalle: Die Menschen wünschen sich Gastronomie und Fläche für Kultur und Existenzgründer

5 Kommentare

Ganz so falsch lag ich offenbar nicht, als ich vor einer Weile hier den Wunsch geäußert hatte, man möge die Elmshorner Markthalle nach der Sanierung als Co-Working-Space für Existenzgründer und Freiberufler nutzen. Diese Nutzung stand nämlich auch bei den meisten Interessierten der Info-Veranstaltung im Rathaus sehr hoch im Kurs.

Für Normalsterbliche ist die Elmshorner Markthalle nur an Markttagen im Erdgeschoss zugänglich, wo die Marktbeschicker zweimal pro Woche Wurst, Käse, Fleisch & Co. verkaufen. Ein Obergeschoss wird aktuell nur von der Theatergruppe Speeldeel genutzt, ansonsten sind die oberen Etagen verschlossen. Vergangenen Mittwoch war das anders: Interessierte konnten sämtliche Ecken des alten Gemäuers in Augenschein nehmen und anschließend im Rathaus über die künftige Nutzung der Markthalle diskutieren.

Büros für Freiberufler und Existenzgründer

Als die Stadt Elmshorn im August 2017 damit begonnen hatte, den baulichen Zustand der Markthalle unter die Lupe zu nehmen, hatte ich schon einmal meinen ganz persönlichen Wunsch für die künftige Nutzung des Gebäudes beschrieben: Es wäre toll, wenn das alte Backsteinhaus nach der Sanierung von Freiberuflern und Existenzgründern auch außerhalb der Markttage mit Leben gefüllt würde. Und genau diese Idee wollte ich am Mittwoch bei der öffentlichen Begehung und der anschließenden Diskussion auch einbringen.

Ich habe ein Faible für alte Rotklinkerbauten

Ich war bei weitem nicht allein, als ich um kurz nach 17 Uhr auf dem Marktplatz eintraf um mir das Untergeschoss und die oberen Stockwerke der Markthalle anzusehen. Insgesamt kletterten wohl an die 100 Menschen die Treppen nach unten und nach oben, standen geduldig Schlange an den Treppen und ließen sich von Mitarbeitern der Verwaltung Einzelheiten zum Bauwerk und seinem aktuellen Zustand erklären. Mein persönlicher Eindruck: Von außen erliege ich ganz klar dem Charme der alten Rotklinker, für die ich bekanntlich ein Faible habe. Drinnen wurde ich hingegen etwas ernüchtert: Es müffelt ganz ordentlich nach Keller, und zwar nicht nur im Untergeschoss, sondern auch in den oberen Etagen. Einiges sieht marode und maximal notdürftig geflickt aus.

Die Holzkonstruktion ist weniger belastbar als Mauerwerk

Doch bei der Diskussionsrunde im Kollegiumssaal des Rathauses, die ebenfalls sehr gut besucht war, berichteten Architekten und Statiker über den Erhaltungszustand der 1920 erbauten Markthalle. Und der ist gar nicht so schlecht. Die Gründung auf dicken Holzpfählen ist intakt, das tragende Mauerwerk ebenfalls. Allerdings reicht dieses Mauerwerk nur bis ins erste Obergeschoss; alles oberhalb dieser Etage wird von einer Holzkonstruktion getragen, die natürlich deutlich weniger belastbar ist als Mauerwerk, Stahl oder Beton.

Den Schwingungen eines Carillons würde das Gebäude nicht standhalten

Damit sind auch die Nutzungsmöglichkeiten der Markthalle deutlich eingeschränkt: Oberhalb des ersten Obergeschosses können die Decken nicht einmal halb soviel Last tragen wie darunter, und würde man sie gemäß aktueller Standards gegen Trittschall isolieren, müsste man das Gewicht dieser Schicht mit der maximalen Nutzlast verrechnen. Eine Wohnnutzung scheidet damit im Grunde aus. Der Einbau eines Carillons, wie ihn sich viele Elmshornerinnen und Elshorner wünschen und dafür sogar eigens einen Förderverein gegründet haben, ist aus Sicht des Statikers sogar gänzlich ausgeschlossen: Allein die Glocken würden etwa 5 Tonnen wiegen, ohne Aufhängung wohlgemerkt. Den Kräfte, die wirken, wenn diese Glocken beim Spiel ins Schwingen geraten, würde die Statik des Gebäudes nicht standhalten – von der Schallentwicklung einmal ganz abgesehen, die Wohnen oder Arbeiten im selben Gebäude ebenfalls unmöglich machen würde.

Denkmalschutzbehörde lehnt Anbauten kategorisch ab

Und letztlich hat auch die Denkmalschutzbehörde ein Wörtchen mitzureden – auch wenn mir die erste (offenbar wohl ausschließlich mündlich erteilte) Auskunft, jegliche Anbauten seien aus denkmalschutzrechtlicher Sicht völlig ausgeschlossen, doch ein wenig harsch erscheint. Immerhin gilt es bei der künftigen Nutzung auch Vorgaben für Barrierefreiheit einzuhalten, und ein Fahrstuhl in alle Geschosse ließe sich möglicherweise leichter in einem Anbau als im alten Gemäuer selbst realisieren. Doch ich bin sicher, dass Politik und Verwaltung der Denkmalschutzbehörde noch einmal auf den Zahn fühlen werden – so eine kategorische Ablehnung muss schließlich fundiert begründet werden. Wenn erst einmal ein rundum überzeugendes Nutzungskonzept vorliegt, gelangt die Behörde ja vielleicht auch zu einer anderen Einschätzung.

Alle Arbeitsgruppen entwickelten recht ähnliche Ideen und Vorschläge

Als sich nach den Vorträgen die Bürgerinnen und Bürger in vier Arbeitsgruppen aufteilten, um unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse Ideen und Vorschläge für die Nutzung zu entwickeln, kristallisierten sich folgende Schwerpunkte heraus:

  • Alle wünschen sich, dass das Erdgeschoss weiterhin durch die Marktbeschicker genutzt wird – am liebsten aber die ganze Woche hindurch und nicht nur an zwei Tagen pro Woche (auch wenn die Marktbeschicker bis dato davon ausgehen, dass sie bei 6 Markttagen pro Woche nicht den erforderlichen Umsatz einfahren könnten).
  • Alle hätten gern mehr Platz für Gastronomie in der Markthalle, möglicherweise auf einer Galerie mit Blick auf die Marktstände, gern auch mit einem Terrassenbereich auf dem Außengelände. Jawoll, unbedingt! Endlich ein bisschen mehr Leben in der Innenstadt und eine Adresse im Zentrum, wo man im Sommer draußen sitzen und Kaffee bzw. Bier trinken kann!
  • Ebenso wie ich favorisieren viele auch eine Nutzung für Büros durch Existenzgründer und Freiberufler, um die hiesige Wirtschaft zu beleben und neuen Unternehmen eine Chance zu geben, sich zu entwickeln und zu wachsen.
  • Auch die Nutzung von Multifunktionsflächen für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Kammerkonzerte, Theater und Kleinkunst stand bei den Anwesenden sehr hoch im Kurs. Allerdings waren sich alle darin einig, dass man die Entwicklung rund um die Knecht’schen Hallen dabei im Auge behalten muss – schließlich sollten Flächen dieser Art nicht doppelt und dreifach vorgehalten werden.

Ein städtisches Kleinod als Konstante in Zeiten des Wandels

Insgesamt fand ich die Stimmung bei der Begehung und der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung angenehm und sehr konstruktiv. Mit den von den Arbeitsgruppen zum Ende präsentierten Vorschlägen und Ideen kann ich mich überwiegend anfreunden und bin nun sehr gespannt, wie es weitergeht. In jedem Fall erscheint es mir wichtig, dass die Markthalle als ein städtisches Kleinod erhalten bleibt – im anstehenden Umbau der Innenstadt bleibt an so vielen Stellen kein Stein auf dem anderen, dass sie als Ruhepol und konstantes architektonisches Element in meinen Augen ungemein wichtig ist.

5 Kommentare zu “Zukunft der Markthalle: Die Menschen wünschen sich Gastronomie und Fläche für Kultur und Existenzgründer

  1. Moin Moin,
    in dem Beitrag vermisse ich, dass die Elmshorner Speeldeel schon über 43 Jahre Ihr Domizil dort hat.(Probenraum, Möbel, Kulissen etc.) Hätten sie bei der Begehung eigentlich sehen müssen.Die Bühne existiert schon über 82 Jahre und ist weit über die Grenzen von Elmshorn bekannt. So eine Institution schmeisst man nicht einfach raus.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Boll

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    • Moin, ja das wurde bei der Begehung erwähnt, die Räume der Speeldeel waren jedoch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Ich habe bislang noch nie ein Stück der Speeldeel gesehen, insofern habe ich die Gruppe nicht wirklich auf dem Schirm. Für mich persönlich sind andere Nutzungsformen der Markthalle interessanter. Aber soweit ich weiß, wird ja bei den Planungen für die Sanierung und neuen Nutzung der Markthalle auch nach einer Lösung für die Theatergruppe gesucht.

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      • Moin Frau Thiel,

        bei der Begehung war ich dabei. Die Türen waren alle aufgeschlossen und Mitglieder der Speeldeel standen für Fragen bereit. In den Stadtverordneten Sitzungen war nur die Rede von der Speeldeel, wenn Mitglieder der Speeldeel ( Herr Hübsch, Frau Wendland) sich zu Wort gemeldet haben. Wurden dann vom Bürgermeister schroff abgewiesen. Im übrigen zweifele ich stark daran, dass die Stadt Elmshorn jemals das Geld für eine Sanierung hat.
        Mit freundlichen Grüßen
        Rainer Boll

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  2. Moin Frau Thiel,
    da sie ja Schreiben, dass sie die „Gruppe“ noch nie gesehen haben, hier eine Möglichkeit. Am 05.08.2018 im Rinderstall Haseldorf um 15 Uhr.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Boll

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