Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Industriemuseum Elmshorn: Streifzug durch Maragarineproduktion, Hafenlärm und Schulstube

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Elmshorn ist ganz unverkennbar eine Industriestadt. Fast an jeder Kreuzung weist ein Schild in irgendein Industriegebiet. Folgerichtig heißt das Elmshorner Heimatmuseum auch „Industriemuseum“. Vor einer Woche war ich zum ersten Mal dort – zusammen mit etlichen Elmshorner Neubürgern über das Willkommensteam für Flüchtlinge.

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Beinahe an jeder Kreuzung in Elmshorn…

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… führt ein Schild in mindestens ein Industriegebiet

Ein Besuch im Industriemuseum Elmshorn stand schon seit Langem auf meiner Agenda. Das Gebäude in der Catharinenstraße mit seiner alten Rotklinkerfassade, das vormals eine Margarinefabrik beherbergte, ist ganz nach meinem Geschmack, und ein Streifzug durch sein Innenleben verspricht Einsichten in die stark industriell geprägte Geschichte dieser Stadt. Am Sonnabend, den 8. August 2015 bot sich eine fantastische Gelegenheit, das Museum kennen zu lernen: Das Willkommensteam für Flüchtlinge Elmshorn, in dem ich seit einem Dreivierteljahr aktiv bin, hatte eine Einladung zu einer zweisprachigen Führung für Flüchtlinge und ihre Begleiter bekommen, damit die Flüchtlinge als Neubürger sich ein besseres Bild von der Geschichte unserer Stadt machen können.

Was schmiert man auf’s Brot? Butter! Und wenn nicht Butter? Margarine!

Es war ein toller Nachmittag! Der Museumspädagoge Peter Russ führte uns mit einfachen Worten auf Deutsch und Englisch (sowie Hand- und Fußisch) durch ausgewählte Stationen. Startpunkt war die historische Stempelmaschine, an der die Arbeiter der Margarinefabrik ein- und ausstempeln mussten. Jeder Besucher erhielt eine Stempelkarte, auf die er seinen Namen und seine Nummer eintragen und anschließend einstempeln musste. An die Kinder gerichtete, fragte Peter Russ: „Wisst ihr, was früher in dieser Fabrik gemacht wurde? Was schmiert man sich auf’s Brot?“ Dazu gestikulierte er anschaulich. „Richtig, Butter. Und wenn man keine Butter draufschmiert, was macht man dann auf’s Brot?“ Aus den hinteren Reihen eine erwachsene Stimme: „Käse?“ Großes Gelächter. Doch das Wort „Margarine“ tauchte auch bald auch, so dass sich auch bei den Syrern, Afghanen und Iranern mit weniger Deutschkenntnissen fix herumsprach, was früher einmal in der Fabrik produziert wurde und wofür die riesige Dampfmaschine in der Eingangshalle gebraucht wurde.

Höllenlärm im Hafen jeden Morgen ab sieben Uhr

Eine Etage höher machten wir an einer historischen Kartenzeichnung und an einem hölzernen Schiffskorpus halt. Elmshorn liegt an der Krückau, sein Hafen hatte früher deutlich größere Bedeutung als heute. „Früher wurde der Elmshorner Hafen jedes Jahr von 2.500 Schiffen angelaufen. Heute sind es nur noch zwei“, sagte Peter Russ. An einem dicken Stahlblech konnten zwei von uns versuchen, mit einem schweren Hammer einen dicken Eisenniet einzutreiben. „Achtung Kinder, haltet euch besser einmal die Ohren zu!“ Was für ein ohrenbetäubender Lärm! Peter Russ erklärte: „So klang es rund um den Hafen von Elmshorn früher jeden Tag ab sieben Uhr morgens!“

Schulunterricht wie zu Kaisers Zeiten

Das absolute Highlight aber wartete unter dem Dach auf uns: Hier ist eine originalgetreue Elmshorner Schulstube eingerichtet, wie sie zu Kaisers Zeiten Gang und Gäbe war. Alle zwängten sich hinter die Schulpulte, Peter Russ streifte ein schwarzes Sakko über und verwandelte sich in einen strengen Oberlehrer. Den Kindern in der ersten Reihe gab er mit Blick auf sein langes Holzlineal gleich zu verstehen, was ungehorsame Schulkinder damals von ihrem Lehrer zu erwarten hatten. Offenbar universal verständliche Gestik – denn augenblicklich saßen die Kinder in der ersten Reihe gerade in ihren Bänken. Doch wir sollten einen noch authentischeren Eindruck vom damaligen Schulleben erhalten: „Früher mussten die Kinder in der Schule Uniform tragen. Und wer nicht genug Geld für eine Uniform hatte, bekam einen Matrosenkragen.“ Von diesen Matrosenkragen hatte der Oberlehrer eine ganze Menge in seinem Pult versteckt, für die „Mädchen“ außerdem auch Haarschleifen.

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Melden mit Matrosenkragen und Haarschleife

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Wer gefragt wird, muss aufstehen und mit „Jawohl, Herr Lehrer“ antworten

Sind das Aschenbecher in den Pulten? Nein, Tintenfässer!

Unter seinem strengen Blick verwandelten sich alle Besucher in folgsame Schulkinder mit Matrosenkragen, die ihre Hände brav auf die Bank legten und sich genau auf die vorgesehene Art meldeten, wenn sie eine Antwort auf seine Frage wussten: nämlich mit dem rechten Arm, abgestützt durch die linke Hand, und ausgestrecktem Zeigefinger. Ohne Schnipsen oder Zwischenrufe selbstverständlich. Wer aufgerufen wurde, musste aus der Bank treten, bevor er die Frage des Lehrers beantwortete. Insbesondere die Kinder schienen doch sehr froh zu sein, dass in Schulkassen heute andere Sitten herrschen. Wie fremd ihnen die militärische Disziplin im Klassenraum war, zeigte eine unbekümmerte Nachfrage. Eines der Kinder zeigte auf die Pulte eingelassenen Tintenfässer mit ihren Klappdeckeln: „Sind das Aschenbecher?“ Da musste auch der strenge Oberlehrer lachen. Der Nachmittag endete mit einem geselligen Kaffeeklatsch im Foyer des Museums – und zum Abschied hieß es: „Ausstempeln nicht vergessen!“

2 Kommentare zu “Industriemuseum Elmshorn: Streifzug durch Maragarineproduktion, Hafenlärm und Schulstube

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