Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Dave Davis im Elmshorner Stadttheater: Afrodisierender Balsam für meine Multikulti-Seele

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Mein erster Besuch im Elmshorner Stadttheater war nach beinahe drei Jahren in dieser Stadt überfällig. Das Programm „Afrodisiaka“ des Comedians Dave Davis war dann auch ein echter Glücksgriff – und nach einem Tag voller anstrengender Diskussionen zum Thema Flüchtlingshilfe auch willkommenes Kontrastprogramm.

Eigentlich gibt es eher wenige Comedians, die mich so richtig zum Lachen bringen. Ganz sicher war ich mir deshalb nicht, ob mir Dave Davis mit seinem Programm „Afrodisiaka“ gefallen würde, als ich die Karten für mich und meinen Sohn besorgte. Doch die Ankündigung auf der Seite des Elmshorner Stadttheaters klang witzig, außerdem hatte ich dem Theater bislang noch keinen Besuch abgestattet und wollte dringend etwas an diesem Zustand ändern. Die Tatsache, dass Davis 2010 den „Goldenen Arsch mit Ohren“ im Rahmen des internationalen Kleinkunstfestivals in Koblenz überreicht bekommen hat, weckte dann endgültig mein Vertrauen und ich besorgte Karten.

Theaterkasse und Getränkeausschank: Lustig und unbürokratisch

Dummerweise lag mein Sohn, für den ich eine der beiden Karten (mit Studentenermäßigung) gekauft hatte, krank im Bett und fiel aus. Mein Mann (kein Student mehr) sprang ein und übernahm seine Karte. Weil wir sie allerdings nicht an der Theaterkasse selbst, sondern über den Online-Händler Eventim gekauft hatten, konnten wir an der Theaterkasse nicht einfach den Differenzbetrag entrichten – für einen solchen Vorgang hätte es kein Buchungskonto gegeben. Zum Glück hatte die Dame an der Kasse nach Rücksprache mit ihrem Chef eine unbürokratische Lösung parat: Sie zeichnete ganz einfach das Studententicket ab, so dass es beim Einlass als Erwachsenenticket gewertet wurde, ohne irgendeine Nachzahlung – danke sehr! Sehr pragmatisch fand ich auch die Einstellung der Mitarbeiterin beim Getränkeausschank, wo ich vor der Vorstellung noch ein Glas Prosecco bestellten wollte: „Wir haben hier nur Piccolo-Fläschchen, da sind gleich zwei Gläser drin. Aber Sie könnten ja vor der Vorstellung Glas trinken und dann die angebrochene Flasche wieder zuschrauben und in Ihrer Handtasche mit in den Saal nehmen?“ Lustige Idee – ich kippte meine zwei Gläschen Prosecco aber dann lieber vor der Vorstellung komplett und hatte binnen fünf Minuten eine ziemlich positive Grundeinstellung gegenüber dem Elmshorner Stadttheater.

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Dave Davis wurde 1973 in Köln als Sohn Ugandischer Eltern geboren – dies ist sein Facebook-Profilfoto, siehe https://www.facebook.com/pages/Dave-Davis/446623395108?ref=ts&fref=ts

Warum sehen Deutsche trotz ihres Wohlstands so depressiv aus?

Ich hätte aber gar keinen Alkohol gebraucht, um über die Witze von Dave Davis alias Motombo Umbokko zu lachen, der sich als echt Kölscher Jung und Karnevalist outete, daneben aber auch Norddeutsch Platt und Sächsisch („Dieser Dialekt ist Vokale-Guantanamo!“) beherrscht. Deutsche, Polen, Frauen, Schwule, Spanier, Türken, Afrikaner, Dicke, Dünne, Politiker und Wirtschaftsbosse… kaum eine Nation, Bevölkerungsgruppe oder Ethnie, die nicht irgendwie auf die Schippe genommen wurde. Gut zwei Stunden ging der schwarze Mann vielen verschiedenen Lebensfragen nach – unter anderem der, warum die Deutschen trotz ihres Wohlstands immer so depressiv aussehen und Angst vor Zuwanderung haben („Wäre der Homo sapiens kein Migrant gewesen, dann säßen wir jetzt alle im Kongo!“).

Gestern gab es Kommentare, die mich fassungslos gemacht haben

Dieses afrodisierende Abendprogramm war Balsam für meine Seele, nachdem ich mich fast einen ganzen Tag lang über eine Reihe verständnisloser Kommentare zu meinem gestrigen Beitrag über eine Spende von acht gebrauchten Computern an Flüchtlinge in Elmshorn geärgert hatte. Ich hatte meinen Beitrag in einigen Elmshorner Facebook-Gruppen gepostet, deren Mitglieder sich bislang meist sehr für meine Beiträge interessiert hatten. Auch gestern gab es eine ganze Reihe Likes und wohlwollende Kommentare zu meinem Beitrag – aber erstmals auch eine ganze Menge Bemerkungen, die mich wirklich fassungslos machten. Natürlich weiß ich, dass nicht jeder Deutsche Zuwanderung als Bereicherung empfindet – die Diskussionsspalten zu den einschlägigen Artikeln in den sozialen Medien sind voll mit abfälligen und rassistischen Kommentaren, die von erschreckender Dummheit und Engstirnigkeit zeugen. Doch wenn sich unfreundliche Kommentare auf meinen eigenen Artikel beziehen, dann fühlt es sich noch einmal ganz anders an.

Unfreundliche Kommentare: Warum kriegen Flüchtlinge PC und Deutsche nicht?

Da meinten also einige zu wissen, dass Flüchtlinge überhaupt keine PC benötigen. (Warum eigentlich nicht? Ein PC kann jedem dabei helfen, seinen Schreibkram zu erledigen, seine Sprachkenntnisse zu verbessern, im Internet zu recherchieren, über soziale Medien Kontakt zu seiner Familie und seinen Freunden zu halten, nach einem Job zu suchen oder seine Kinder bei Laune zu halten.) Andere meinten, für Deutsche gehöre ein PC ja auch nicht zur Erstausstattung, warum also für Flüchtlinge? (Auch für Flüchtlinge gehört ein PC nicht zur einklagbaren Grundausstattung, es wurden einmalig acht Stück gespendet, die nun verteilt werden.) Natürlich wurde der arme alte deutsche Mann mit seiner trotz 47 Beitragsjahren lächerlichen Rente bemüht, genauso wie die alleinerziehende deutsche Frau, die sich mit drei Jobs über Wasser halten muss. (Ja, es gibt eine ganze Menge Missstände in diesem Land, und nicht alle Deutschen sind reich. Aber muss ich mich deswegen dafür rechtfertigen, dass ich Flüchtlingen helfe und mich über eine private Spende freue? Muss etwa jeder Ehrenamtliche, der für den einen guten Zweck spendet oder sich engagiert, aus Gründen der Ausgewogenheit eine Ausgleichsabgabe für alle anderen Dinge entrichten, die deswegen zu kurz kommen? Am Ende heißt es noch: Für jeden Euro, den du dem Tier- und Naturschutz spendest, ist dann auch ein Euro für Amnesty International, einer für Unicef, einer für das Frauenhaus, einer für den Männergesangsverein und einer für die Stiftung Plattdeutsch an Grundschulen fällig. Und diese Liste müsste noch dringend vervollständigt werden.) Aber brauchen Flüchtlinge nicht eher Kleidung und Möbel als PC? (Auch in meinen Augen ist ein PC nicht ganz oben auf der Liste der Dinge, die ein Mensch zum würdigen Überleben benötigt. Doch das Steuerbüro, das die Rechner gespendet hat, hatte nun einmal PC zu verschenken und keine Möbel oder Klamotten – sollte man dem Spender das etwa vorwerfen? Sollten wir die PC deswegen lieber ablehnen?)

Berichte über Hilfe für Flüchtlinge schüren Ausländerfeindlichkeit? Ist das so?

Am allermeisten schockierte mich allerdings ein warnender Kommentar, man solle besser nicht über gespendete PC für Flüchtlinge berichten, denn damit spiele man am Ende nur Neonazis in die Hände und schüre Ausländerfeindlichkeit. (Soll ich mir etwa von den mutmaßlichen Befindlichkeiten irgendwelcher Neonazis diktieren lassen, über was ich in meinem Blog schreibe? Bin ich mit einem Bericht über eine nette und großzügige Spende für Hilfebedürftige etwa Schuld an Neid und Missgunst gegenüber Ausländern? Oder liegt der Grund für diese hässlichen Gefühle nicht eher in den Herzen der Menschen, die den Ärmsten der Armen nicht die Butter auf dem Brot gönnen und deshalb Schwache gegen noch Schwächere ausspielen möchten?)

Auch für andere Bedürftige gibt es eine Menge Hilfsangebote

Zum Glück hat sich die Diskussion in den Facebook-Gruppen inzwischen beruhigt und es fanden sich mittlerweile sogar unter den anfänglichen Kritikern Menschen, die bei Bedarf Möbel und andere nützliche Dinge an Flüchtlinge spenden möchten. Dennoch finde ich es traurig, dass einige eigentlich doch völlig offensichtliche Botschaften bei manchen Menschen nicht ohne Weiteres ankommen: Das Wedeler Steuerbüro hat freiwillig und aus eigenem Antrieb acht Rechner gespendet, die Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden sollen. Daraus entsteht für die Flüchtlinge – ebenso wenig wie für andere Bedürftige – noch lange kein Rechtsanspruch auf einen PC. Und selbst wenn diese acht PC nicht an Deutsche gehen, müssen mittellose Deutsche nicht unbedingt leer ausgehen: Unabhängig von der Nationalität gibt es für Menschen mit geringem Einkommen zum Glück eine Menge Hilfsangebote, z. B. auch die Option, über den Verein Computer Spende Hamburg e. V. einen (geprüften und gereinigten) gebrauchten PC zu erhalten, kostenlos gegen Nachweis der Bedürftigkeit.

Ein gebrauchter, vier jahre alter PC ist doch keine Rolex!

Und übrigens: Ein vergleichbarer gebrauchter, vier Jahre alter PC wird bei Ebay z. B. zum Sofort-Kaufen-Preis von 229 Euro angeboten. In Auktionen mit einem Startpreis von einem Euro ist er sicher noch günstiger zu bekommen. Natürlich ist auch eine solche Summe noch viel Geld, wenn man nur begrenzte Mittel hat. Doch ein vier Jahre alter gebrauchter PC ist deshalb noch lange keine Rolex, die man im Pfandhaus versetzen kann, um sich für den Rest seiner Tage auf die faule Haut zu legen. Also immer schön locker bleiben!

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