Vergangene Woche war an zwei Abenden in Folge Dominik Bloh im Elmshorner Industriemuseum zu Gast. Er las einige Kapitel aus seinem Buch „Unter Palmen aus Stahl“ vor. Doch in erster Linie sprach er über Obdachlosigkeit, sein Leben auf der Straße, den Weg zurück in ein Leben mit Wohnung, Job und sozialer Anerkennung – und über die gesellschaftlichen Narrative, die dazu beitragen, dass der Kampf gegen Wohnungslosigkeit allenfalls halbherzig geführt wird.
Ich war ja schon vor den beiden Lesungen fest überzeugt, dass Dominik ein wirklich toller Typ ist. Nachdem ich ihn nun live erlebt und ein bisschen mit ihm gesprochen habe, bin ich noch einmal mehr beeindruckt. Dominik hat es nicht nur geschafft, über zehn Jahre auf der Straße zu überleben, ohne an der Menschheit zu verzweifeln oder zu verbittern. Er unterstützt heute als Sozialunternehmer Menschen ohne Obdach und ist außerdem als Politikberater tätig. Und er hat seine Erfahrungen und Gedanken auch in sehr klare und unmissverständliche Botschaften übersetzt, die eigentlich niemanden kalt lassen dürften.
Natürlich kann ich hier unmöglich alle klugen Gedanken wiedergeben, die Dominik am Donnerstag und Freitag mit dem Elmshorner Publikum geteilt hat. Aber ich will ein paar zusammenfassen, die mich besonders berührt haben.
Kein Vorwurf an die Mutter, die ihn mit 16 aus der Wohnung warf
Das erste Kapitel, das er uns vorlas, handelte von seiner ersten Nacht auf der Straße. Seine Mutter hatte ihn vor die Tür gesetzt, als er 16 Jahre alt war. Das klingt einfach nur furchtbar – und ist es natürlich auch. Doch er gibt seiner Mutter keine Schuld daran. Sie hatte sich nach einer schwierigen Kindheit mit den falschen Männern eingelassen, wurde mit 18 zum ersten Mal Mutter und war bald darauf alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. Sie arbeitete als Krankenschwester in einem veranwortungsvollen und belastenden, aber sehr schlecht bezahlten Beruf und hatte nach dem Umzug ihrer kleinen Familie aus Süddeutschland nach Hamburg kein soziales Netz, das sie im Alltag hätte unterstützen können. Die dauerhafte Überforderung und das Leben in Armut machten sie krank: Burnout, Depressionen, bipolare Störung… am Ende wurde bei ihr eine Schizophrenie diagnostiziert. Dominik betonte mehrfach, dass er Verständnis dafür hat, dass sie ihm in dieser Situation keine Mutter mehr sein konnte. „Jeder Mensch hat seine eigenen 100% Energie“, betonte er. Die Energie seiner Mutter war aufgebraucht, eine Chance zum Aufladen der Akkus nicht in Sicht. „Mich rauszuschmeißen, war mit Sicherheit die schwerste Entscheidung, die sie je getroffen hat.“ Ich habe größten Respekt vor dieser Haltung ohne Vorwurf oder Schuldzuweisung.



Versagen des behördlichen Hilfesystems
„In unserem Land muss niemand auf der Straße leben!“ Das ist ein Spruch, den man immer wieder hört, wenn man sich mit anderen Menschen über das Thema Obdachlosigkeit unterhält. Auch Dominik wird regelmäßig damit konfrontiert. Dominik sagte in diesem Zusammenhang den schönen Satz: „Klar gibt es Hilfen für Obdachlose. Aber wenn man auf der Straße landet, steht nicht auf einmal jemand neben einem, der einem das System erklärt oder eine Anleitung fürs Leben auf der Straße mitgibt.“ Man muss sich schon selbst auf die Suche nach Hilfsangeboten machen, sich durch den Behördendschungel kämpfen und sich von Pontius zu Pilatus schicken lassen. Dominiks Geschichte zeigt, wie leicht man durch das Raster des Hilfesystems rutschen kann, weil sich allzu häufig niemand wirklich zuständig fühlt. Als Dominik nach seiner ersten Nacht im Freien in die Schule ging, erzählte er seinem Lehrer von seiner Situation. Der fand seine Lage zwar furchtbar und traurig, mochte sich aber persönlich nicht engagieren und verwies ihn an den Vertrauenslehrer. Der wiederum schickte ihn weiter zum Jugendheim in der Feuerbachstraße, wo er als Heranwachsender aber auch nur vorübergehend bleiben konnte. Mich macht es fassungslos, dass niemand unter den Lehrkräften an seiner Schule gesagt hat: „Pass auf, du kannst erstmal mit zu mir nach Hause kommen und bei mir schlafen, bis wir gemeinsam eine Lösung für dich gefunden haben!“ Das wäre doch die normalste menschliche Reaktion, oder? Was macht das wohl mit einem 16-Jährigen, der eigentlich erst einmal den Schock verkraften muss, dass seine Mutter ihn vor die Tür gesetzt hat? Zu erfahren, dass er nirgends echte Hilfe erwarten darf, kann einen Jugendlichen doch nur entmutigen und in seinen Grundfesten erschüttern. Wie soll man aktiv weiter nach Unterstützung suchen, wenn man frisch traumatisiert ist, sich unerwünscht und wertlos fühlt? Ich gebe Dominik absolut Recht, wenn er sagt, dass in sozialen Notlagen vor dem Einfordern von Leistung oder Eigeninitiative erst einmal das Fördern und die Fürsorge stehen müssen. Damit ein Mensch sich überhaupt erst einmal wieder angenommen und wertgeschätzt fühlt und eine Chance bekommt, sich aufzurappeln.
Kritik an neoliberalen Narrativen der Leistungsgesellschaft
Lob und Anerkennung gibt es in unserer Gesellschaft leider häufig nur für Leistungen, die als soziale Währung taugen. Im Fall von Dominik ist das seine Leistung, trotz seines Lebens auf der Straße weiter zur Schule gegangen und sogar sein Abitur gemacht zu haben. Auch bei den Lesungen in Elmshorn gab es dafür besonders großen Applaus. Er sagte dazu: „Dafür bekomme ich immer viel Anerkennung. Mir hat aber noch nie jemand gesagt, dass er von meiner Leistung beeindruckt war, auf der Straße überlebt zu haben.“ (Dazu nur am Rande: Doch, ganz ehrlich, das hat mich beim Lesen der Bücher sehr beeindruckt. Und dennoch habe ich doll geklatscht, als die Sprache auf sein Abitur kam…) Für ihn hatte der Schulbesuch nämlich vorrangig eine ganz andere Bedeutung: „Menschen brauchen andere Menschen. Sie wollen dazugehören“, sagte Dominik. Solange er zur Schule ging, konnte er von sich selbst immerhin sagen, dass er Schüler und damit Teil einer Gemeinschaft ist. Kein Niemand von der Straße, der nirgends dazugehört. Und davon abgesehen: „Die Schule war von Montag bis Freitag zwischen 8 und 13 Uhr ein warmer und sicherer Ort für mich.“ Nachvollziehbare Beweggründe, wenn man auf der Straße permanent Wind und Wetter ausgesetzt ist und sich außerdem ständig vor Angriffen fürchten muss, oder?
Ehrlich sein und Gutes tun – erste Schritte zurück in ein geregeltes Leben
Bei der zweiten Lesung am Zusatztermin erzählte Dominik auch, wie es ihm gelang, die Straße hinter sich zu lassen. Das ist tatsächlich die Geschichte, die mich am meisten beeindruckt. Als 2015 die vielen, vielen Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und Irak über die Balkanroute via Ungarn und Wien in Hamburg strandeten, bemerkte Dominik am Hauptbahnhof ein kleines Kind, das nur auf eine Pappe gebettet auf dem Boden lag. Eine Pappe wie auch er sie häufig als Schlafunterlage nutzte. Die Menschen hatten – ebenso wie er selbst – nur das Allernötigste bei sich: ein paar Plastiktüten mit Kleidung, vielleicht eine Isomatte und einen Schlafsack. Aber im Gegensatz zu ihm sprachen sie kein Deutsch und konnten sich nicht verständigen. Er entschloss sich, an den Messehallen mitzuarbeiten, wo damals in einer ungeheuren Welle der Hilfsbereitschaft Kleidung und andere Sachspenden sortiert und an die Geflüchteten ausgegeben wurden. Eines Tages, nach Ende einer Schicht, sprach ihn ein anderer Helfer an und fragte ihn ganz beiläufig, wo er denn wohnt. Und erstmals entschied sich Dominik dafür, ehrlich zu antworten: „Ich habe keine Wohnung, ich lebe auf der Straße.“ Die Tatsache, dass er selbst so hilfebedürftig war und dennoch unermüdlich mit anpackte, um den Geflüchteten ihren Start in Hamburg zu erleichtern, beeindruckte sein Gegenüber sehr. Ein paar Tage später bot der Mann – er hatte keine finanziellen Sorgen, sondern ein ordentliches Vermögen – ihm an, für ein Jahr seine Wohnungsmiete zu zahlen. Das war der erste Schritt zurück ins „normale Leben“, auch wenn noch ein paar Rückschläge folgten und die Straße im Kopf blieb. Seinen Entschluss, ehrlich zu sein und Gutes zu tun, bezeichnet Dominik als Wendepunkt in seiner Geschichte.
Die Würde schutzloser Menschen bewahren
Darauf fußt auch die Haltung, mit der Dominik heute durch’s Leben geht. „Was du tust, strahlt nach außen“, betonte er. Er hat es sich zum Prinzip gemacht, nicht wegzuschauen, wenn er Menschen in Not begegnet, die sich selbst nicht mehr helfen und ihre Würde bewahren können. Als Beispiel erzählte er uns von einem Mann, der ihm in der U-Bahn aufgefallen war, weil er mit nacktem Hintern und heruntergelassener Hose auf der Sitzbank saß. Dass er unangenehm berührt war und nicht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Dass er den Mann – ebenso wie die anderen Fahrgäste, die sich pikiert abgewendet hatten – am liebsten ignoriert hätte, bis er ein paar Haltestellen später ausgestiegen wäre. Doch dieser Mann saß da in einem derart offensichtlich entwürdigenden Zustand, dass er seine Unsicherheit beiseiteschob und ihn ansprach: „Ich möchte für dich nicht, dass du hier mit nacktem Hintern in der U-Bahn sitzt. Was ist los?“ Es stellte sich heraus, dass der Mann so lange draußen in der Kälte herumgeirrt war, dass seine Finger zu steifgefroren waren um seine Hose wieder hochzuziehen. Dominik half ihm, sich wieder richtig anzuziehen. Und auf einmal regte sich auch bei den anderen Menschen in der U-Bahn Mitgefühl: Eine Frau schenkte dem Mann ihre Handschuhe, „damit Ihre Finger draußen nicht wieder so kalt werden“, ein anderer gab ihm Geld, damit er sich am Bahnhof ein warmes Getränk kaufen konnte. Es braucht genau eine Person, die nicht wegschaut, sondern den ersten Schritt tut und hilft. Und schon tun es ihr andere nach. Ich habe solche Kettenreaktionen selbst schon oft beobachtet. Wenn ich dem Blick eines Bettlers in der Bahn nicht ausweiche, sondern eine Münze in seinen Becher werfe und ihn anlächele, zücken als nächstes garantiert auch ein paar andere Leute ihr Portemonnaie. Ein Mensch, der gerade die nötige Energie für den ersten Schritt hat, fängt an – andere ziehen nach, weil sie spüren, dass es richtig ist zu helfen. Es ist einfach keine Option wegzusehen, wenn ein Mensch seiner Würde beraubt ist und Hilfe braucht. Klingt einfach, ist nicht immer einfach, aber trotzdem richtig. Wäre es nicht toll, wenn wir uns das alle zum Prinzip machen? Am Donnerstagabend im Industriemuseum, als Dominik diese Geschichte erzählte, war förmlich zu spüren, wie diese Gedanken in den Köpfen der Anwesenden arbeiteten.
Nachts im Museum – Podcast-Aufzeichnung mit den Suppenhühnern
Viele Leute nutzten nach der Lesung die Gelegenheit, seine Bücher zu kaufen und von ihm signieren zu lassen. Im Anschluss an die zweite Lesung zogen sich Alex und Dörte von den Suppenhühnern noch mit Dominik für eine Podcast-Aufzeichnung ins Obergeschoss des Industriemuseums zurück. Ich durfte als stille Beobachterin dabei sein und zuhören, wie die drei über soziales Unternehmertum und den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit, aber auch persönliche Erinnerungen und Mutmach-Momente in Dominiks Leben sprachen. Die Aufzeichnung entstand unter Zeitdruck, weil das Personal des Industriemuseums eigentlich längst Feierabend hatte. Und die Mikrofone hielten auch nicht so recht an der Tischplatte. 😉 Mehr will ich hier gar nicht spoilern, denn demnächst erscheint die Podcastfolge als Auftakt zur zweiten Staffel von „Mission Possible“, dem Ehrenamts-Podcast der Elmshorner Suppenhühner. Reinhören lohnt auf jeden Fall!



Apollo-Kulturverein spendet sämtliche Einnahmen an die Bahnhofsmission
Inzwischen haben die Apollos Kassensturz gemacht und den Erlös der Benefiz-Veranstaltungen bekanntgegeben. Wie zuvor angekündigt, gehen sämtliche Einnahmen aus dem Ticketverkauf – in der Summe beachtliche 1.500 Euro – an die Bahnhofsmission, deren Arbeit für hilfebedürftige Menschen man gar nicht genug wertschätzen kann. Und ich… bin jetzt mehr denn je froh, dass ich die Idee hatte, Dominik nach Elmshorn einzuladen. Dass sie bei allen Beteiligten auf so fruchtbaren Boden gefallen ist und letztlich in diese beiden tollen Veranstaltungen mündete. Danke an alle, die dabei waren, an einem Strang gezogen und sie möglich gemacht haben! ❤
Und hier noch ein paar weitere Foto-Impressionen vom ersten Abend. Die tollen Bilder stammen übrigens von Simon Heydorn – vielen lieben Dank, dass ich sie hier zeigen darf.






Wer noch ein bisschen tiefer eintauchen möchte, dem empfehle ich natürlich Dominiks Bücher (Band 1: Unter Palmen aus Stahl, Band 2: Die Straße im Kopf). Ihr könnt ihm und dem Duschbus-Projekt GoBanyo auch auf Instagram folgen: @dominikbloh und @gobanyo. Und wenn ihr ihn gern live erleben möchtet, aber in Elmshorn kein Ticket mehr bekommen habt, dann findet ihr auf der Seite seiner Agentur die aktuellen Tourdaten. Am 8. April liest er noch einmal in Hamburg, ein weiterer Termin im Norden steht mit dem 28. August in Schleswig fest.
