Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Von der Schülervertretung an der KGSE kann man einiges lernen

Hinterlasse einen Kommentar

Im Zuge der Debatte über eine mögliche Wiedereinführung des Wehrdienstes kommen in den Medien immer wieder auch mal Leute zu Wort, die sich auf Landes- oder Bundesebene in der Schülervertretung (SV) engagieren. Das hat mich an meine eigene Zeit als Schülersprecherin erinnert – und mich neugierig gemacht, wie SV-Arbeit heute so ganz praktisch und vor Ort aussieht.

Ein Besuch bei der SV der hiesigen KGSE hat mir gezeigt: SV-Arbeit funktioniert dort deutlich besser als bei damals bei uns. Ich bin am Engelbert-Kämpfer-Gymnasium im ostwestfälischen Lemgo zur Schule gegangen. Während der 12. Jahrgangstufe war ich Mitglied der Schülervertretung (SV) und Schülersprecherin. Das alles ist zwar schon über 35 Jahre her, doch in letzter Zeit habe ich immer wieder mal an meine SV-Zeit zurückgedacht. Denn damals gab es – ebenso wie heute – eine öffentliche Diskussion über den Wehrdienst, in die sich auch die SV eingeschaltet hat.

1988/89: Protest gegen pauschale Vorverlegung der Abiklausuren

Bei uns ging es um die im Juli 1990 beschlossene Verkürzung des Wehrdienstes von 15 auf 12 Monate. Wegen ihr hatten die Jungs, die nach dem Abitur zum Bund gingen und im Anschluss studieren wollten, nach dem Wehrdienst auf einmal ein paar Monate Leerlauf bis zum Studienbeginn. Irgendwer in der Politik wollte das vermeiden und hatte die Idee, deswegen pauschal für alle Schüler*innen die Abiturklausuren deutlich vorzuverlegen.

Damit war eine Mehrheit der Schüler*innen allerdings nicht einverstanden. Wir fanden es unmöglich, dass wegen eines kleinen Nachteils für eine absolute Minderheit von uns (der Leerlauf betraf ja nur Jungs, die tatsächlich zum Bund wollten und im Anschluss direkt studieren wollten – für Jungs, die Zivildienst leisten oder nach dem Bund eine Ausbildung beginnen wollten und natürlich auch für alle Mädchen war das völlig irrelevant) der gesamte Jahrgang im Eilschritt durch die Abiprüfungen hecheln sollte. Außerdem war gerade die Berliner Mauer gefallen, der Eiserne Vorhang war Geschichte – wozu also überhaupt Wehrdienst?

Demo durch die Innenstadt und flammende Rede vor dem Rathaus

Wir organisierten also Protestaktionen gegen die geplante Vorverlegung der Abiklausuren. Höhepunkt in meiner Heimatstadt war eine Demo durch die Innenstadt, wo ich als Schülersprecherin mit Megaphon vor dem Rathaus eine flammende Rede hielt und es sogar kurz in die Nachrichten im Regionalfernsehen schaffte. In meiner Erinnerung war das der Höhepunkt meiner SV-Arbeit. Denn ansonsten lief die für meinen Geschmack nicht sonderlich erfolgreich.

Die allermeisten Schüler*innen waren zwar gut darin, Forderungen an die SV zu stellen. Doch bei der Umsetzung mochten sie die Aktiven nicht unterstützen. Motzen statt machen – das fand ich schon damals ziemlich desillusionierend. Ich fragte mich, wie der Austausch innerhalb der Schülerschaft besser gelingen kann, wie man Leute zum Mitmachen motivieren und die anfallenden Aufgaben sinnvoll auf viele Schultern aufteilen kann. Leider habe ich in meiner Zeit als Schülersprecherin keine guten Antworten darauf gefunden.

Neugierig, wie SV-Arbeit heutzutage funktioniert

Die aktuellen Proteste von Schülerinnen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machten mich deshalb neugierig, wie SV-Arbeit heute funktioniert. Welche Themen bewegen die Schüler*innen und ihre SV von heute? Wie organisieren sie ihren SV-Alltag? Können sie auf die Mitwirkung der Schülerschaft zählen? Und welche Rolle spielen soziale Medien und digitale Kommunikation bei ihrer Arbeit?

Als ich 1988/89 Schülersprecherin war, hatte die SV ein physisches Postfach im Schulbüro, aus dem wir unsere Papierpost abholen konnten. Wir konnten keine Rundmails und keine Nachrichten via WhatsApp-Gruppe verschicken, von Kommunikation via Instagram oder TikTok ganz zu schweigen. Die Schülerschaft konnten wir via Aushang am Schwarzen Brett informieren, andere Möglichkeiten gab es im Grunde nicht. Und bis zum Start der Protestkampagne gegen die Vorverlegung der Abiklausuren hatte ich noch nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie eine Landesschülervertretung gibt. Mit den heutigen Möglichkeiten wäre damals so manches einfacher gewesen und man hätte deutlich mehr erreichen können – so zumindest meine Vorstellung.

Nette Einladung zur SV-Sitzung und zum Austausch an der KGSE

Auf gut Glück schickte ich eine Nachricht an das (natürlich digitale!) Postfach der SV der Erich Kästner Gemeinschaftsschule (KGSE) in Elmhorn und fragte, ob ein paar SV-Mitglieder Interesse an einem Gedankenaustausch haben. Daraufhin wurde ich eingeladen, einfach mal an der nächsten SV-Sitzung teilzunehmen. Im Anschluss könnten wir uns dann noch in kleinerer Runde austauschen. Ich freute mich riesig, trug den Termin gleich in meinen Kalender ein und bereitete ein paar Fragen vor.

Als ich am 12. Dezember 2025 nach der 6. Schulstunde den SV-Raum betrat, fiel mir als erstes auf, wie einladend er mit seinen vielen gemütlichen Sofas wirkt. Und dass etliche der Anwesenden lilafarbene SV-Hoodies trugen. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach Erinnerungen unserem damaligen SV-Raum und fand nur ein Bild eines sehr kleinen Nebenraums, der mit ausgedienten Tischen und Stühlen möbliert war und auf einer Skala von 1–10 maximal 2 Wohlfühlpunkte bekommen hätte. Klamotten, die uns als Schüler*innen unserer Schule oder als SV-Mitglieder auswiesen und auf diese Weise für etwas Zusammengehörigkeitsgefühl hätten sorgen können, hatten wir damals ebenfalls nicht. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir uns als SV damals zusammenhockten, doch ich erinnere mich, dass es keine häufigen und nie sonderlich beliebte Treffen waren.

Große Beteiligung an wöchentlichen Treffen im SV-Raum

Ganz anders läuft das offensichtlich an der KGSE. Die SV-Mitglieder scheinen sich sehr gern im SV-Raum und miteinander aufzuhalten – sonst kämen sie wohl kaum jeden (!) Freitag nach der 6. Stunde her, um sich über alle aktuellen Themen auszutauschen, die sich im Laufe der Woche ergeben haben. Und es würde wohl auch kam jedes (!) Mal reihum jemand Kuchen zu diesen Treffen mitbringen, an denen übrigens immer auch die Verbindungslehrerin oder der Verbindungslehrer teilnehmen.

Als ich im Dezember mit von der Partie war, saßen 28 Schüler*innen auf den Sofas. Einer berichtete, was bei der Fachkonferenz Informatik diskutiert wurde, an der er als Schülervertreter teilgenommen hatte – und ich überlegte gleich, ob wir damals auch das Recht gehabt hätten, bei Fachkonferenzen dabei zu sein. Jedenfalls war es an unserer Schule nicht Usus. Weitere Themen waren das vorweihnachtliche Plätzchenbacken und die Frage, wer Zeit und Lust hat, als Delegierte oder Delegierter an der nächsten Sitzung des Kreisjugendparlaments teilzunehmen. Auch diese Art von regionlaler Vernetzung und demokratischer Teilhabe war während meiner SV-Zeit nicht selbstverständlich.

Gedruckter monatlicher Newsletter mit den wichtigsten Infos

Doch ich entdeckte auch Gemeinsamkeiten. Sehr vertraut war mir zum Beispiel die Überlegung, wie man als SV möglichst viele Schüler*innen mit den relevanten Infos erreicht. „Es gibt immer noch viel zu viele, die gar nichts mitbekommen von unserer Arbeit und dann fragen, was die SV überhaupt macht“, berichtete Luuk. An der KGSE setzt man – das hat mich in Zeiten digitaler Kommunikation dann doch ein bisschen zum Schmunzeln gebracht – seit einer Weile auf einen gedruckten Newsletter, der monatlich kurz und knapp die wichtigsten Schulinfos und SV-Nachrichten zusammenfasst.

Dezemberausgabe des SV-Newsletters, der an der Schule verteilt wird

Andererseits scheint es mir aber durchaus folgerichtig, auf einen Print-Newsletter zu setzen: Immerhin gilt seit letztem Schuljahr an der KGSE ein Handyverbot auf dem Schulgelände. Und zumindest die Schüler*innen, die ich bei meinem SV-Besuch dazu befragt habe, sind mit diesem Verbot absolut einverstanden. „Vorher sah man auf dem Schulhof Kinder nebeneinander auf der Bank sitzen, die alle nur mit ihrem Handy beschäftigt waren“, erzählte Tippi. Jetzt redeten und spielten sie wieder miteinander. Übrigens beobachtete ich auch während der SV-Sitzung, dass eigentlich niemand zwischendurch mal aufs Smartphone schielte, wie ich es in der Altersgruppe vielleicht erwartet hätte. Ein generelles Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16, wie es aktuell diskutiert wird, würde allerdings nicht auf Akzeptanz stoßen. So meinte Oskar: „Social Media ist ein Riesenproblem – Stichwort Fake News oder Sucht. Aber ein Verbot wäre nicht der richtige Weg.“

Mini-SV für die Jüngeren senkt die Hemmschwelle

Doch zurück zu den Gemeinsamkeiten bei der SV-Arbeit gestern und heute: Wenig überrascht war ich außerdem, dass die meisten Aktiven in der KGSE-SV aktuell in der 13. Jahrgangstufe sind, also nach dem Abitur im Frühsommer 2026 die Schule verlassen werden. Auch bei uns damals waren es in erster Linie Oberstufenschüler*innen, die sich in der SV engagierten. Die jüngeren Jahrgänge waren zwar über ihre Klassensprecher*innen vertreten, trauten sich aber aus Ehrfurcht vor den Großen aus der Oberstufe kaum, sich irgendwie einzubringen. An der KGSE gibt es deswegen eine „Mini-SV“ für die Jahrgänge 5–7, in der sich Interessierte an die SV-Arbeit herantasten können und aus der sich dann viel leichter Nachwuchs für die SV der Jahrgänge 8–13 rekrutieren lässt. Überhaupt setzt sich die SV hier nicht ausschließlich aus den Klassensprecher*innen zusammen, vielmehr können alle Interessierten mitmachen. Ich halte das für eine sinnvolle Struktur, die sicherlich auch zu meiner Zeit dazu beigetragen hätte, dass sich mehr Kids in die SV-Arbeit einbringen.

An der KGSE sind in diesem Schuljahr 30 Leute mit dabei. Die SV-interne WhatsApp-Gruppe hat allerdings mittlerweile über 100 Mitglieder, „weil viele Leute auch nach ihrem Schulabschluss nicht aus der Gruppe austreten“, wie mir Marta berichtete. „Sie möchten gern weiter auf dem Laufenden bleiben, was sich in ihrer alten Schule tut.“ Dass Schüler*innen wie Ehemalige sich ihrer Schule und der SV so verbunden fühlen, finde ich sehr beeindruckend. An ein derart starkes Zusammenhörigkeitsgefühl kann ich mich für meine eigene Schulzeit nicht erinnern.

Gruppenfoto im SV-Raum: Es waren übrigens auch ein paar jüngere SV-Mitglieder anwesend. Doch damit wir nicht von all ihren Eltern eine Genehmigung zur Verwendung des Fotos einholen müssen, sind kurzerhand nur die volljährigen SV-Mitglieder mit aufs Bild gekommen. (Datenschutz und Recht am eigenen Bild sind übrigens auch Themen, mit denen wir uns damals als SV nicht auseinandersetzen mussten…)

Erinnerung an Enttäuschung und Frustration

Allerdings muss ich mir eingestehen, dass wir seinerzeit auch nicht annähernd viel für ein tolles Gemeinschaftsgefühl unternommen haben. Wir hielten unsere SV-Sitzungen in unserem eher lieblos eingerichteten kleinen Raum ab, schmiedeten Pläne und setzten am Ende nur einen Bruchteil der Dinge um, die wir uns auf die Fahnen geschrieben hatten. Die meisten anderen SV-Mitglieder brachten damals zwar gern Ideen ein, stahlen sich bei der konkreten Umsetzung aber oft klammheimlich aus der Verantwortung. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Enttäuschung und Frustration, weil mein Jahr als Schülersprecherin deshalb – abgesehen von besagtem Protest gegen die Vorverlegung der Abi-Klausuren – nicht sonderlich erfolgreich war. Repräsentative Demokratie kann ein sehr undankbares Geschäft sein.

Den Mitgliedern der KGSE ist derartiger Frust nicht anzumerken. „Unsere SV ist eine coole Gruppe, wir sind alle miteinander befreundet“, erklärte Marta, „es ist gut, dass wir mitreden können, wenn uns Dinge stören.“ Und Helen ergänzte: „Wir haben einen guten Draht zueinander – innerhalb der SV, aber auch außerhalb der SV-Arbeit und jahrgangsübergreifend.“ Eine Erklärung dafür mag die positive Grundhaltung der Schulleitung gegenüber der SV sein, wie Luuk berichtete: „Wir haben jede Woche ein Gespräch mit der Schulleitung, in dem wir uns auf Augenhöhe austauschen. Wir bekommen auch immer Feedback und Info, warum manche Dinge eventuell nicht so funktionieren, wie wir es uns wünschen.“ Schülersprecherin Tippi bestätigte: „Wir werden gut begleitet, man vertraut uns prinzipiell, wir werden angehört und nach unserer Meinung gefragt. Das ist gut.“ Allerdings habe es in der Schulleitung in den vergangenen Jahren personelle Wechsel gegeben, „es kann also nicht nur am Schulleiter liegen.“

Mein jüngeres Ich hätte viel von dieser heutigen SV lernen können

Den Eindruck habe ich definitiv auch. Denn diese SV stellt einiges auf die Beine, damit die KGSE ein Wohlfühlort für alle ist. Da werden Übernachtungen und Unterstufenpartys organisiert, am Valentinstag Rosen verteilt und in der Vorweihnachtszeit Plätzchen gebacken. Alle zwei Jahre findet ein Sponsorenlauf statt, der Geld in die SV-Kasse spült und diese schönen Aktionen ermöglicht. „Die Mitwirkung funktioniert“, meinte Leonore und ergänzte, dass die SV auch das Projekt ‚Weihnachten im Schuhkarton’ an der Schule koordiniert. „Und am Welt-Wasser-Tag haben wir alle dazu aufgerufen, Zigarettenstummel aufzusammeln.“

Als ich mich nach meinem Besuch bei der SV der KGSE wieder auf den Heimweg machte, war ich regelrecht beseelt von meinem Gespräch mit den SV-Mitgliedern. Ich finde es großartig, wie sie sich für die Schulgemeinschaft einsetzen und die Interessen der Schüler*innen vertreten. Gleichzeitig war ich auch ein bisschen traurig, dass ich während meiner eigenen SV-Zeit auf nicht annähernd so viele gute Ideen gekommen bin wie sie. Mein jüngeres Ich hätte eine Menge von ihnen lernen können!

Schwarzes Brett der SV an der KGSE

Hinterlasse einen Kommentar