Elmshorn für Anfänger

Geschichten von einer, die auszog, im Hamburger Speckgürtel zu leben. Eine pragmatische Liebeserklärung.

Neue und sehr konkrete Ideen für die Nutzung der Knecht’schen Hallen

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Knapp acht Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal von den Ideen für die Wiederbelebung des Gebäudekomplexes an der Ecke Berliner Straße und Schlossstraße gehört habe. Ich wohnte damals noch nicht lange in Elmshorn. Und dachte damals tatsächlich, dass dort in absehbarer Zeit etwas Cooles entstehen könnte.

Ich träumte von einer Bürogemeinschaft mit anderen Freiberuflern, sah ein Kulturzentrum vor mir und andere kreative Nutzungsformen. Mit den Jahren musste ich feststellen, dass bei allen Projekten, die in irgendeiner Form mit dem Stadtumbau zu tun haben, fast nichts so läuft, wie man es mit ein bisschen gesundem Menschenverstand erwarten würde. Ob Rathausneubau, Haus der Technik, Anbindung des Buttermarkts an die City und eben auch die Knecht’schen Hallen drehen sich die Planungen im Kreis, dauert alles gefühlte Ewigkeiten. Zwischenzeitlich war ich überzeugt, dass die Knecht’schen Hallen längst rettungslos verfallen wären, bevor sich Elmshorn endlich zu einem Nutzungskonzept durchgerungen und Finanzmittel dafür aufgetrieben hat. Doch am vergangenen Sonntag habe ich neue Hoffnung geschöpft.

Denn am 12. September 2021 haben im Rahmen des ‚Tags des offenen Denkmals‘ zwei Studentinnen ihre Ideen für die Knecht’schen Hallen vorgestellt. Vor Ort, mit einer kleinen Ausstellung und Kurzvorträgen mit Diskussion jeweils zur vollen Stunde. Anmoderiert wurden die beiden von von Edzard Kröger, Mitglied im Freundeskreis Knecht’sche Hallen, der den Bezug zum Motto des ‚Tags des offenen Denkmals‘ herstellte, das in diesem Jahr lautete ‚Schein oder Sein‘. Für ihn haben die historischen Gemäuer jedenfalls mehr Sein als Schein zu bieten: „Hier steckt viel mehr drin als es von den meisten Menschen in Elmshorn wahrgenommen wird.“ Ein offenes Denkmal sind die Knecht’schen Hallen ironischerweise an gewöhnlichen Tagen allerdings nicht, schließlich ist das Betreten des Geländes wegen akuter Einsturzgefahr in etlichen Gebäuden sonst verboten.

Vier Szenarien: Initial-Café, Quartiersgarage, studentisches Wohnen und Campus

Laura Eckermann, die in Hamburg Architektur studiert hat, interessiert sich in erster Linie aus Nachhaltigkeitsgründen für die Knecht’schen Hallen und hat ihnen im Dezember 2020 deshalb ihre Masterarbeit gewidmet. „Mein Hauptinteresse gilt der Abfallvermeidung. Denn immerhin stammen 55% allen Mülls aus der Bauindustrie.“ Alte Gebäude zu erhalten und zu sanieren vermeidet zum einen jede Menge Bauabfälle und erfordert weniger neue Baumaterialien – schließlich schlägt insbesondere die Produktion von Zement mit ihrem hohen CO2-Ausstoß in der Klimabilanz negativ zu Buche. Laura präsentierte vier Szenarien für die künftige Nutzung, die entweder nacheinander oder alle parallel zusammen verwirklicht werden könnten. Ausgangspunkt (Szenario 1) ist ein Initial-Café als Keimzelle für das neue Quartier. Hier könnten die Elmshorner Bevölkerung, Stadtverwaltung, die Eigentümerfamilie Sachau, der Freundeskreis und andere Initiativen gemeinsam Ideen entwickeln und die Neunutzung der Gebäude anstoßen. Szenario 2 dürfte auch denjenigen gefallen, die häufig über den Parkplatzmangel in der Elmshorner Innenstadt schimpfen. Denn bei diesem Projektmodul würde das Werksgebäude 1 zu einer Quartiersgarage umgebaut. Szenario 3 sieht studentisches bzw. junges Wohnen im Hauptgebäude der Knecht’schen Hallen vor. Zielgruppe wären Studierende der Elmshorner Nordakademie ebenso wie der Hamburger Universitäten, es ließe sich Wohnraum für immerhin 60 junge Menschen schaffen. Für dieselbe Klientel ist auch Szenario 4 interessant, das eine Nutzung des Werksgebäudes 2 als zusätzlichen Campus für die Nordakademie vorsieht, die sich auf Expansionskurs befindet und zusätzliche Räumlichkeiten daher gut gebrauchen kann.

Visualisierungen: Laura Ackermann

Einfache Baukasten-Module hin- und herschieben nach dem Tangram-Prinzip

Lea-Malin Bahr hat in Detmold (unweit meiner Heimatstadt Lemgo im Kreis Lippe!) Innenarchitektur studiert und sich Gedanken über das mögliche Innenleben der wiederbelebten Räume gemacht. Sie stammt ursprünglich aus Elmshorn, daher waren ihr die Knecht’schen Hallen seit Langem ein Begriff. „Ich verfolge ein eher egoistisches Interesse mit meinem Projekt, denn mir fehlt in Elmshorn ein Ort, an dem junge Menschen feinern und sich zu Veranstaltungen treffen können“, sagte sie. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit, die sie im Sommersemster 2021 erstellt und gerade erst eingereicht hat, hat sie Ideen für die Nutzung der Knecht’schen Hallen als Kreativfabrik entworfen. Vor allem die Räume des Kranhauses, der Mantelhalle und des Erdgeschosses von Werksgebäude 3 hat sie für ihr sogenanntes Tangram-Raumkonzept im Visier. Tangram ist eigentlich ein altes chinesisches Legespiel, bei dem man einfache geometrische Formen miteinander arrangiert, sodass unterschiedliche Formen und Gestalten entstehen. Aufbauend auf diesem Prinzip hat Lea drei eigene Tangram-Bauteile entwickelt, die baukastenartig „nach Lust, Laune und Bedarf“ kombiniert und eingesetzt werden können. Beispiele hierfür sind viereckige Modulboxen, die als dauerhaft nutzbare Aufenthaltsräume fungieren. Oder dreieckige Tribünenelemente, die sich als Zuschauerreihen für Kino- oder Konzertveranstaltungen nutzen lassen. Mit den einfachen Tangram-Elementen könnte man die Flächen flexibel für Events, Konzerte, Cafébetrieb, Plauschecken, offene Gemeinschaftswerkstätten, Ateliers oder Workshops nutzen.

Visualisierungen: Lea-Malin Bahr

In den Konzepten steckt viel wertvolle Planungsleistung

Gut gefallen haben mir bei beiden Konzepten, dass sie sich so konkret an echten Bedarfen in Elmshorn orientieren und dank der visuellen Ausgestaltung auch wirklich vorstellbar sind. Zudem stehen sie nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ließen sich hervorragend miteinander kombinieren. Der Elmshorner Architekt Matthias Pitzer, der sich etliche Jahre im Vorstand des Freundeskreises Knecht’sche Hallen engagiert hat, meinte nach der Präsentation der zwei Studentinnen ebenfalls: „Die beiden haben ungeheuer viel Planungsleistung in ihre Konzepte gesteckt.“ Zu den gängigen Honorarsätzen für Architekturbüros hätte sich die Stadt all das sicher nicht leisten können. Doch nun hat die Stadt – nein, haben wir alle! – detaillierte Konzepte inklusive Grundrisse und genauer Flächenberechnungen zur Verfügung, mit denen man auch gegenüber möglichen Investoren ganz anders argumentieren kann. Mich stimmt das zumindest durchaus zuversichtlich. Zu blinder Euphorie möchte ich mich allerdings auch nicht hinreißen lassen. Denn zum einen müsste zunächst einmal die Bausubstanz untersucht und mindestens an den einsturzgefährdeten Stellen – insbesondere der Holzkonstruktion in Werkshalle 1 – von Grund auf saniert werden, bevor man die beiden vorgelegten Konzepte in Angriff nehmen könnte. Und zum anderen wäre es in meinen Augen wichtig, die jüngere Generation eng einzubinden, auf die die Nutzungskonzepte ja in weiten Teilen abzielt. Doch genau aus dieser Zielgruppe verirrte sich am Sonntag kaum jemand zu den Vorträgen ins Kranhaus.

Übrigens kann man sich beide Studienarbeiten hier auf der Homepage des Freundeskreises Knecht’sche Hallen herunterladen.

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